Von Tombstone nach Chicago

Szene aus ‚Von Tombstone nach Chicago‘

Kurzbeschreibung des Films: In den frühen 1930er Jahren begann der Kult um den Gesetzeshüter Wyatt Earp, der sich im Hollywood-Kino bis zur Heldenglorifizierung steigerte. Der Mythos um den eigentlich kontroversen US Marshal gedieh im Amerika der Great Depression und im Kontrast zum organisierten Verbrechen, das damals ikonische Gangsterfilme inspirierte.

Dreißig Sekunden, dreißig Schüsse, drei Tote: Das war die Bilanz des „Gunfight at the O.K. Corral“, am Nachmittag des 26. Oktober 1881 in Tombstone, Arizona Territory. Gegenübergestanden hatten sich stadtbekannte Outlaws, die sogenannten Cowboys, eine Gang um Ike Clanton, und die Gesetzeshüter in Gestalt der Earps mit Unterstützung des berüchtigten John „Doc“ Holliday. Vor fünfzig Jahren, am 3. Oktober 1957, kam der gleichnamige Film mit Kirk Douglas als Doc Holliday und Burt Lancaster als Wyatt Earp in die westdeutschen Kinos. Gunfight at the O.K. Corral“ (1957) avancierte zu einem der kommerziell erfolgreichsten Western der Fünfziger und machte das Gefecht nahe einer Pferdekoppel (dem „O.K.“ corral) zu einem der prominentesten Erinnerungsorte der amerikanischen Geschichte und prägte die kollektive Wahrnehmung dieses Ereignisses als Wyatt Earps furchtlosen Kampf gegen korrupte Polizisten und verfestigte Gangstrukturen.

Doc Holliday, Wyatt, Virgil und Morgan Earp (gespielt von Kirk Douglas, Burt Lancaster, John Hudson und DeForest Kelley) marschieren bewaffnet an Häusern vorbei durch Tombstone
Wyatt Earp (2.v.l.), gespielt von Burt Lancaster, gemeinsam mit seinen Brüdern Virgil und Morgan sowie Doc Holliday auf dem Weg zum OK Corral | Bildquelle: „Gunfight at the OK Corral“ (1957), Paramount, Hal B. Wallis & Joseph H. Hazen

Bis 1931 war dieses Ereignis jedoch bloß eine Fußnote des Wilden Westens und längst aus dem Bewusstsein der amerikanischen Öffentlichkeit verschwunden. Zeitgenössisch hatten darüber die Boulevardgazetten noch wie wild berichtet – schließlich waren damals Meldungen über Schießereien und Tote verkaufsträchtige Neuigkeiten, die zu reißerischen Schlagzeilen taugten. Zwar wurde der „Gunfight“ zu einer spektakulären Begebenheit aufgebauscht – aber hauptsächlich innerhalb der Stadtgrenzen Tombstones. Nationale Bedeutung, schließlich auch Weltbekanntheit erlangte der Schusswechsel am O.K. Corral erst durch die Feder des Schriftstellers Stuart N. Lake (1889–1964) und durch einige Hollywood-Adaptionen. Lake hatte zum Zeitpunkt des „Gunfight“ noch nicht einmal das Licht der Welt erblickt, geschweige denn, dass er Zeitzeuge gewesen wäre. Alles, was er darüber schrieb, basierte auf seiner Rekonstruktion. Sein Buch „Wyatt Earp: Frontier Marshal“ wurde 1931 in den USA zum Bestseller und trug den Namen Wyatt Earp hinaus in die Welt. Die Publikation schuf einen Mythos vom aufrechten Westernhelden und zementierte Earps Ruf des unbestechlichen Gesetzeshüters.

Dazu kam es vornehmlich durch Earp selbst. Lake hatte sich in seinen Schriften auf den Alten Westen spezialisiert, und Wyatt Earp war ihm von einem Kollegen als authentische, interessante Figur empfohlen worden. Beide Männer trafen in den späten 1920er Jahren zum richtigen Zeitpunkt aufeinander: Denn Earp stand an der Schwelle zu seinem neunzigsten Lebensjahrzehnt und war besorgt. Er wollte nicht in Verruf geraten, wegen dessen, was er im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts alles angestellt hatte. Außerdem hatte Billy Breakenridge, der im Oktober 1881 Hilfssheriff in Tombstone gewesen war, gerade sein Buch „Helldorado“ veröffentlicht, in dem Earp nicht unbedingt schmeichelhaft dargestellt wurde. Höchste Zeit also, eine eigene Version auf den Markt zu bringen. Und so erzählte Earp seine Vita – jedenfalls seinen Blick darauf – besagtem Lake, der ja seinerseits auf der Suche nach Stoff für seine Western-Texte war. Heraus kam ein Joint Venture, das die Grundlage für etliche Bücher – und vor allem Filme bildete, u.a.: „Frontier Marshal“ (1934 u. 1939), „My Darling Clementine“ (1946), Gunfight at the O.K. Corral“ (1957), „Hour of the Gun“ (1967), ‚Doc‘“ (1971), „Tombstone“ 1993), „Wyatt Earp“ (1994).

Aus Earps Sicht war das ein kluger Schritt, den vor ihm schon viele Große der Weltgeschichte gegangen waren: die historische Wahrnehmung seiner Person durch eine eigene Darstellung frühzeitig einfach selbst zu prägen. Der damals knapp vierzigjährige Lake hörte sich Earps Lebensgeschichte mit großem Interesse an. Earp verstarb zwischenzeitlich, im Januar 1929 im Alter von achtzig Jahren; aber mit seiner Initiative hatte er da längst die Nachwelt in die Irre geführt.

Lakes Buch rief die Schießerei am O.K. Corral wieder in Erinnerung und machte Wyatt Earp zum Mythos des Wilden Westens. Denn erneut, wie schon beim Zusammentreffen zwischen Earp und Lake, passte die Zeit, wie Earp es sich nicht besser hätte wünschen können. In den USA wütete 1931 die Great Depression, die elendige Wirtschaftskrise, die im Herbst 1929 mit dem „Black Thursday“ begonnen hatte und noch die 1930er Jahre über anhalten sollte. Im ganzen Land waren die Menschen verunsichert; viele hungerten und verloren ihre wirtschaftliche Existenz, rutschten in die Armut, brachten sich um. Hobos und Drifter vagabundierten auf ihrer Suche nach Arbeit quer durch die Staaten, ganze Teile des US-amerikanischen Südwestens blieben in ihrer technologischen und infrastrukturellen Entwicklung hinter dem Rest des Landes zurück und fanden buchstäblich erst in den 1950er Jahren Anschluss an Telefon und Elektrizität. In dieser düsteren Zeit war das Bedürfnis nach Heldenfiguren und optimistischen Geschichten nicht gering; jemand wie Lake konnte mit einer Erzählung wie jener des angeblich unverwüstlichen lawman Wyatt Earp viel Geld verdienen.

Und noch etwas kam hinzu: Vor der Great Depression hatte ein anderes Phänomen die US-Amerikaner verstört. Die Prohibitionszeit mit ihren innerstädtischen Bandenkriegen und Blutbädern, das brutale Treiben von Gangsterkönigen wie Al Capone und die offenkundige Machtlosigkeit der staatlichen Ordnungsbehörden in Gestalt von Polizei und Justiz hatten großes Unbehagen hervorgerufen und das Vertrauen in den Staat erschüttert. Eine Heldenfigur wie Wyatt Earp, der in seinem unermüdlichen Kampf gegen Outlaws und Desperados von Lake zum furchtlosen Verteidiger von Recht und Ordnung stilisiert wurde, bediente damals vorherrschende Sehnsüchte nach einer ebensolchen Autorität. Earp – oder besser: das von Lake und Earp konstruierte Bild von Earp – taugte ganz hervorragend als Projektionsfläche für dieses Bedürfnis.

zwei Männer stehen im Dunkeln an zwei Maschinengewehren, die aus dem Fenster einer Wohnung auf die Straße gerichtet sind
In „The Public Enemy“ (1931) werden die Bandenkriege sogar mit Maschinengewehren ausgetragen. | Bildquelle: The Public Enemy“ (1931), Turner Entertainment

So schrieb Lake: „Whatever else may be said of Wyatt Earp, against or for him, and no matter what his motives, the greatest gunfighter that the Old West knew cleaned up Tombstone, the toughest camp in the world.[1] Im großurbanen Amerika war Chicago das neue Tombstone. Und Lakes Formulierung „cleaned up“ entsprach exakt dem Duktus, in dem die moralischen Statements von Filmen wie The Public Enemy“ 1931 oder Scarface“ (1932) gehalten waren. Der im Filmtitel zitierte „Public Enemy“, so bläute es ein Text am Ende des Films den Zuschauern ein, sei ein Problem, dass die Öffentlichkeit früher oder später lösen müsse. Und in der re-relase note von Little Caesar stand, dass der Film bei Erscheinen die Notwendigkeit eines „nation-wide house cleaning“ nahegelegt habe.

Edward G. Robinson als Gangsterboss Caesar Enrico Bandello mit Zigarre
Mit seinem untersetzten Unterweltparvenü Enrico Caesar Bandello schuf Edward G. Robinson einen Archetypus der Filmgeschichte. | Bildquelle: Turner Entertainment

Man hatte das Gangstergesindel nach einer ganzen Dekade satt und favorisierte Leute, die damit konsequent und rücksichtslos aufräumten – Männer wie Wyatt Earp. Earp wurde daher nicht zufällig zur selben Zeit populär, wie Edward G. Robinson als Caesar Enrico Bandello in Little Caesar“ (1931), James Cagney als Tom Powers in The Public Enemy“ 1931 und Paul Muni als Tony Carmonte in Scarface“ (1932) über die Leinwände amerikanischer Kinos flackerten. Gewalttätige Psychopathen, allesamt angelehnt an den Chicagoer Unterweltboss Al Capone, grenzenlos gierig und brutal, waren in jenen Jahren die Hauptfiguren der großen Hollywood-Hits. Und Lakes Wyatt Earp war ihr moralisches Pendant: rechtschaffen, unerschütterlich, gut. In Lakes Buch verkündete Earp: „If the outlaws and their friends and allies imagined that they could intimidate or exterminate the Earps by a process of assassination, and then hide behind alibis and the technicalities of the law, they simply missed their guess[2] – „hide behind alibis and the technicalities of the law“: Das war genau das, was in den Augen vieler Menschen in den 1920er Jahren schiefgelaufen war, als offenkundige Mörder, Räuber und Erpresser von der Polizei nicht dingfest gemacht wurden. In „Scarface“ windet sich der mörderische Tony Carmonte (gespielt von Paul Muni) belustigt mit dem Verweis auf die Habeas-corpus-Akte aus dem Verhörzimmer der Polizei.

Paul Muni als Tony Carmonte mit Maschinenpistole
Paul Muni als Tony Carmonte, eine der düstersten und schillerndsten Figuren der Filmgeschichte | Bildquelle: „Scarface“ (1932), The Caddo Company, The Hughes Tool Company

Die Gangsterfilme, die zu Beginn der 1930er Jahre das Verbrechermilieu porträtierten, zeigten eine Welt, in der die Menschen der Unterwelt hilflos gegenüberstanden, weil die Behörden versagten. Stuart N. Lake skizzierte in seinem Buch einen Mann, der genau solchen Kräften unerschrocken und mit der offenbar nötigen Waffengewalt Einhalt gebot. Und Hollywood, mit seinem wachen Geschäftsinstinkt, vermarktete einfach beides: Aufstieg und Fall der skrupellosen Gangsterkönige auf der einen, den heroischen U.S. Marshal auf der anderen Seite. Von Tombstone nach Chicago war es kein weiter Weg.

[1] Lake, Stuart N.: Wyatt Earp: Frontier Marshal, New York u.a. 1994 [1931], S. 362.

[2] Wyatt Earp zitiert nach Lake, Stuart N.: Wyatt Earp: Frontier Marshal, New York u.a. 1994 [1931], S. 377.