Filmtipp

Broadcast News (1987)

Szene aus ‚Broadcast News (1987)‘

Kurzbeschreibung des Films: Aus der Feder von „Simpsons“-Produzent James L. Brooks stammt diese subtile Medienkritik, in der eine Handvoll Idealisten die labilen Standards der Nachrichtenmedien gegen oberflächliche Kommerzialisierung verteidigen – ein „Newsroom“ der Achtziger.

James L. Brooks’ „Broadcast News“ ist schon oft verkannt worden als eine romantische Komödie über die Dreiecksbeziehung zweier Nachrichtenmänner und einer Nachrichtenfrau. Doch der spätere „Simpsons“-Produzent Brooks schuf damals etwas ganz anderes, nämlich eine subtile Satire auf die Medienmodernisierung, die insbesondere im Zusammenspiel mit der unlängst in die dritte Staffel gegangenen HBO-Serie „The Newsroom“ (2012–14) an Konturen gewinnt. Nicht nur, dass die von Aaron Sorkin – als Autor und Produzent in Personalunion – porträtierten „Newsroom“-Charaktere, der Nachrichtensprecher Will McAvoy (Jeff Daniels) und dessen Produzentin MacKenzie McHale (Emily Mortimer), schon rein äußerlich stark an Brooks’ „Broadcast News“-Protagonisten (William Hurt als Nachrichtensprecher Tom Grunick und Holly Hunter als Produzentin Jane Craig Info-Bubble: zum Anklicken für zusätzliches Filmwissen

Holly Hunter hatte die Rolle erst kurz vor Drehbeginn bekommen – geschrieben war sie eigentlich für die Achtziger-Star-Aktrice Debra Winger, die dann aber wegen ihrer Schwangerschaft absagte. Hunter wurde anschließend in der Kategorie „beste Hauptdarstellerin“ für einen „Oscar“ und einen „Golden Globe“ nominiert.

) erinnern; auch der drohende Verlust dessen, wofür McAvoy/McHale in „The Newsroom“ stehen und kämpfen, ist hier das Thema und deutet sich in „Broadcast News“ unverkennbar an: der Vorrang von inhaltlicher Substanz gegenüber sinnentleerter Show.

Natürlich hängt Brooks seinen medienkritischen Film an Menschen und ihren Beziehungen auf, sodass es darin tatsächlich Elemente einer romantischen Komödie gibt. Da ist die außerordentlich gewandte Produzentin Jane Craig (Holly Hunter), ohne deren Engagement die Sendung nur noch halb so viel wert wäre – ein unentwegt elektrisierter Tausendsassa. Sie arbeitet zusammen mit dem ambitionierten Reporter Aaron Altman (Albert Brooks), der einen seltenen Blick für wichtige Details hat und stets treffend den Gehalt von Nachrichten einzuschätzen weiß Info-Bubble: zum Anklicken für zusätzliches Filmwissen

Albert Brooks, der in der englischen Originalversion von „Findet Nemo“ (2003) dem Clownfisch Marlin seine Stimme lieh, wurde 1947 als Albert L. Einstein geboren und änderte später seinen Namen. Wie auch seine beiden Co-Protagonisten Holly Hunter und William Hurt wurde er 1988 für die Rolle in „Broadcast News“ für einen „Oscar“ nominiert (keiner von ihnen gewann).

. Beide sind Medien-Idealisten und beide treffen auf den aufstrebenden Korrespondenten Tom Grunick (William Hurt), der all das verkörpert, was Craig und Altman verabscheuen. Grunick: ein Nachrichtenmann, der vom Nachrichtenhandwerk keinen blassen Schimmer hat, der aber gut aussieht und vor der Kamera mit der klug gewählten Krawatte und dem passenden Hemd ungemein souverän agiert – einer für die Show, nicht für den Inhalt. Er gesteht auch freimütig seine Ahnungslosigkeit in Sachen Nachrichtenwesen und erklärt sich lernbereit – und obwohl Craig ihm schnell klarmacht, dass die Profiebene kein Ort zum Lernen der Grundlagen sei, gerät auch sie in den Bann seines unerschütterlichen Selbstbewusstseins.

Doch „Broadcast News“ ist (zum Glück) weit von einer klassischen Beziehungskomödie entfernt. Denn Brooks benutzt das Sozialleben seiner Vollblutmedienmacher lediglich als Korridor für sein eigentliches Vorhaben: zu zeigen, wie die modernen Massenmedien sukzessive ihre einstigen Standards abbauen, ihre in der Theorie stolz postulierten Ideale in der Praxis zugunsten von Quote und Kostenverminderung verraten. Während Craig und Altman also mit Grunick – dem Profiteur dieser neuen Oberflächlichkeit – hadern, der eines Tages seine Chance am Tisch des Nachrichtensprechers bekommt und seinen Auftritt dank der beiden anderen zu einem großen Erfolg führt, weiß ihr routinierter Boss Ernie Merriman (Robert Prosky) längst, wohin die Reise geht: Weil der Sender Geld sparen will und eine Entlassungswelle auslöst, ahnt Senderveteran Merriman, dass im Nachrichtengeschäft eine Zeitenwende bevorsteht. Einen großartigen Gastauftritt hat dabei Jack Nicholson als alteingesessener Anchorman Bill Rorish, der sein tiefes Bedauern über die Entlassungen zu Protokoll gibt und sein Team zum kollektiven Abendessen ausführen will, die Anmerkung des Sendermanagers, er könne ja auf eine seiner vielen Gehaltsmillionen verzichten, jedoch mit den hochgezogenen Nicholson-Augenbrauen pariert.

Aaron Altman, der eindeutig begabtere und erfahrenere von beiden, hat keine Chance gegen den telegenen Grunick, der vor der Kamera nicht ins Schwitzen gerät und sowieso die viel bessere Figur macht. Brooks’ Botschaft ist platt und schockierend zugleich: In dieser gewandelten TV-Branche wird der inhaltlich Beschlagene vom Meister des Erscheinungsbildes ausgestochen. Doch im Unterschied zu Altman, der eine profunde Allgemeinbildung und viel Expertenwissen verbindet, binnen Minuten exzellente Sätze zu Papier bringt, kann Grunick vor laufender Kamera nur das aufsagen, was ihm seine Souffleuse Jane Craig durch den Mikrokopfhörer diktiert. Und so erliegen beide dem Äußerlichen, der substanzlosen Oberfläche: Das vorgeblich seriöse Fernsehen, in dem Grunick zum neuen Anchorman avanciert, und die Produzentin Craig, die ihr Leben lang für den Vorrang von Inhalt über Showelemente gekämpft hat und sich nun ausgerechnet in den gutaussehenden Karrieristen mit den vielen Wissenslücken verliebt, der für all das steht, wogegen sie sonst mit idealistischer Vehemenz einschreitet. Einer wie Altman bleibt da außen vor und wird dem vermeintlich bedeutungslosen Provinzfernsehen überlassen.

Verblüffend ist aber auch der Vergleich der beiden „Newsrooms“ von 1987 und 2012: Während in beiden Darstellungen die Charaktere heillos besessene Nachrichtenmacher sind, denen es immer dann am besten geht, wenn die Deadline einer Aktion nur noch wenige Sekunden beträgt und die mentalen Kräfte bis aufs Äußerste angespannt sind, wirkt die technische Infrastruktur in „Broadcast News“, im Unterschied zu den gezeigten Akteuren, wie aus einer weit entfernten Zeit. Aber letztlich ist das Werk ja auch schon 25 Jahre alt und ein Vierteljahrhundert bedeutet in der Medienbranche bekanntlich eine halbe Ewigkeit. Wo in „Newsroom“ geräuschlose High-End-Rechner werkeln, die Social Media als neuer Nachrichtenkanal und als Projektionsfläche hinzugetreten sind und eingehende Leaks blitzschnell via Google-Recherche überprüft werden können, gibt es in „Broadcast News“ nicht einmal Mobiltelefone, geschweige denn Internet, E-Mails oder Suchmaschinen – in einer Szene jagt als Joan Cusack junge Produktionsassistentin Blair Litton durch die Studiogänge, um dem Aufnahmestudio noch rechtzeitig vor der Ausstrahlung einen eiligst zusammengeschnittenen Beitrag – auf Videokassette – zu überbringenInfo-Bubble: zum Anklicken für zusätzliches Filmwissen

Joan Cusack spielte in zehn Filmen gemeinsam mit ihrem Bruder John Cusack – der ist auch in „Broadcast News“ dabei, allerdings in einer winzigen Gastrolle, in der man ihn fluchen hört, ohne allerdings sein Gesicht zu sehen.

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Umgekehrt illustrieren die Ähnlichkeiten, wie wenig sich am Ablauf einer Nachrichtensendung geändert hat: Wie 2014 in „Newsroom“, so steht und fällt eine Nachrichtensendung auch 1987 in „Broadcast News“ mit dem Zusammenspiel des Moderators und seinem Team, muss der Sprecher fehlerfrei seinen Text aufsagen und gleichzeitig im Ohr die Live-Instruktionen seiner Produzentin beachten, müssen Techniker in Sekundenschnelle Aufnahmefetzen zu einem vollständigen Beitrag montieren, werden spontan Reporter ausgesandt, um in buchstäblich letzter Sekunde einen O-Ton einzufangen – insgesamt eine produktive Hektik, manchmal obsessiv, immer nahe am Wahnsinn. Kurzum: Wer „The Newsroom“ schaut, sollte auch „Broadcast News“ gesehen haben – und umgekehrt.