Filmtipp

Cul-de-sac (1966)

Szene aus ‚Cul-de-sac (1966)‘

Bizarre Filmexzentrik des jungen Roman Polanski, der in einer alten Burg zwei flüchtige Ganoven auf ein frischverheiratetes Paar hetzt – ein Augenschmaus für alle Liebhaber des Absurden.

Keine Frage, dieser Film ist verstörend – aber im besten Sinne. „Skurril“, „makaber“ und „bizarr“ sind die geeigneten Attribute, mit denen sich hier fast alles angemessen beschreiben lässt. Dabei ist die Handlung noch vergleichsweise simpel und gewöhnlich: Zwei ordentlich ramponierte Gangster erleiden eine Autopanne, an einem englischen Küstenstrand – der eine mit einer Armverwundung, der andere halbtot. Richard (großartig: Lionel Stander), der weniger stark verletzte, begibt sich in dem entlegenen Areal auf die Suche nach einem Telefon, um den Boss zu kontaktieren und Hilfe anzufordern Info-Bubble: zum Anklicken für zusätzliches Filmwissen

Hat man „Cul-de-sac“ erst einmal überstanden, kann man sich keine bessere Besetzung als Lionel Stander (1908–1994) mehr vorstellen. Der US-Schauspieler, der in den 1940er Jahren ein frühes Opfer des berüchtigten House of Un-American Activities geworden war, passt aufgrund seiner Statur und Stimme wie angegossen in diese Rolle. Überhaupt ist ja die Besetzung bei „Cul-de-sac“ die wichtigste Zutat zur dargebotenen Absurditätenmelange. Stander spielte in der Achtziger-Kultserie „Hart to Hart“/„Hart, aber herzlich“ (1979–1984) an der Seite von Robert Wagner und Stefanie Powers in 111 Episoden den Allzweck-Butler Max.

. Dabei trifft er auf ein kapriziöses Paar, das eine mittelalterliche Burg bewohnt. Aus dieser Konstellation entspinnt sich nun unter der Ägide von Regisseur Roman Polanski eine schräge Handlung, die den Zuschauer die folgenden 100 Minuten beschäftigen wird.

Immer wieder ruft Richard per Telefon Hilfe; und jedes Mal, wenn sich ein Flugzeug oder ein Automobil nähert, entfährt ihm die Aufregung, die er offenbar die ganze Zeit über unterdrückt. Nicht nur dieses anhaltende Warten auf die Ankunft eines nicht näher beschriebenen Akteurs erinnert an das berühmte Theaterstück „Warten auf Godot“; auch der deutsche Filmtitel „Wenn Katelbach kommt“ nimmt darauf Bezug. Während dieser Wartezeit, deren Dauer selbstverständlich ungewiss bleibt, müssen sich die beiden Parteien – das Paar und die Gangster – miteinander arrangieren Info-Bubble: zum Anklicken für zusätzliches Filmwissen

„Cul-de-sac“ gehört zu jenen Filmen im Polanski-Portfolio, aus denen für manchen Beobachter die dunkle Vergangenheit des Regisseurs spricht. Denn auch hier ginge es ja um das urplötzliche Eindringen eines bewaffneten Gewalttäters in den Alltag von Menschen, die diesem Akt wehrlos gegenüberstehen und anschließend davon lebensgefährlich bedroht seien – eben eine Parallele zu Polanskis Erlebnissen in Krakau 1940, als dereinst die Truppen der Wehrmacht einfielen und anschließend die Schergen der SS ihr verbrecherisches Unwesen trieben – Polanskis Eltern wurden deportiert, die Mutter starb in Auschwitz, der Vater überlebte, er selbst überstand das Terrorregime im Ghetto.

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Wer dabei nun absonderlicher wirkt, ist ein offenes Rennen: auf der einen Seite der abgewrackte Dick mit seinem räudigen Sakko und der Armschlinge, dessen Kumpan, der entweder im defekten, von der Flut bald unter Wasser gesetzten Auto oder auf einem Esstisch seinem baldigen Exitus entgegensieht, ist offenbar angeschossen worden und muss die ganze Zeit über einarmig hantieren – gleich, ob mit der Schnapspulle oder dem Revolver Info-Bubble: zum Anklicken für zusätzliches Filmwissen

Jack MacGowran (1918–1973), der in „Cul-de-sac“ als todgeweihter Gangster nur wenige Szenen hat, spielte im Jahr zuvor den loyalen Aristokratendiener Petya in „Doktor Schiwago“ (1965) und wurde von Polanski kurz darauf für dessen Vampirfilmparodie „The Fearless Vampire Killers“ (1967) für die Rolle des Prof. Abronsius engagiert. Seinen letzten Auftritt hatte er 1973 in „The Exorcist“, ehe er einer Londoner Grippewelle zum Opfer fiel.

; die Burgherrin (Françoise Dorléac), eine lasterhafte Blondine mit französischem Akzent, empfindet ihren kahlköpfigen Gatten (Donald Pleasence Info-Bubble: zum Anklicken für zusätzliches Filmwissen

Kaum zu glauben, dass Donald Pleasence (1919–1995) seinen maliziösen James-Bond-Erzfeind Ernst Stavro Blofeld in „You Only Live Twice“ (1967) erst ein Jahr später mimte; dieser Charakter in der Pleasence-Interpretation diente später Mike Myers als Vorlage für den Dr. Evil in der Agentenfilm-Veralberung „Austin Powers: International Man of Mystery“ (1997). Während die FAZ anlässlich seines Todes im Jahr 1995 noch schrieb, dass jeder ihn, einen „der populärsten Filmschauspieler der letzten Jahrzehnte“ [O.V.: Donald Pleasence, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.02.1995], kennen würde, dürfte diese Behauptung heutzutage wohl (leider) anfechtbar sein.

) im Kontrast zum Gangster Dick zunehmend als unerträgliches Weichei, trinkt Wodka aus Flaschen und erlaubt sich kindische Scherze; und ihr (deutlich älterer) Gatte, der in albernen Phasen Frauenkleider trägt, gerät in eine Spirale der Verzweiflung. Vorerst bedeutet die Situation für alle eine Sackgasse (frz.: cul-de-sac) Info-Bubble: zum Anklicken für zusätzliches Filmwissen

Françoise Dorléac, die bereits im Alter von zehn Jahren auf der Bühne gestanden hatte und Catherine Deneuves ältere Schwester war, verstarb nur ein Jahr nach „Cul-de-sac“ in einem Unfall – sie verunglückte mit ihrem Sportwagen in der Nähe von Nizza, im Alter von 25 Jahren. Ihre Schwester hatte bereits ein Jahr vor „Cul-de-sac“ mit Polanski gedreht („Repulsion“).

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Nochmal: „Cul-de-sac“ ist ein groteskes, bisweilen gewöhnungsbedürftiges Werk Info-Bubble: zum Anklicken für zusätzliches Filmwissen

Wenngleich auch lange nicht mehr einer seiner ersten Filme, ist „Cul-de-sac“ doch noch immer ein Polanski-Frühwerk, das in die kritische Phase der Karriere des damals Anfang Dreißigjährigen fällt, in der dieser sich noch nicht in die Riege der etablierten Regiestars emporgekämpft hatte. Den legendären Psychohorrorthriller „Rosemary’s Baby“ drehte er erst zwei Jahre später, 1968, und der vielfach preisgekrönte Post-Noir-Krimi „Chinatown“ folgte 1974. Obwohl „Cul-de-sac“ im Sommer 1966 auf den Berliner Filmfestspielen lautstarke Buhrufe kassierte, gewann er am Ende den „Goldenen Bären“.

. Schnitte, Kameraführung und musikalische Untermalung wirken, als ob sich ihrer später Guy Ritchie („Snatch“, „RocknRolla“) freimütig als Inspirationsquelle bedient hätte. Die Szenen, die ein breites Spektrum zwischen komisch, tragisch und brutal ausmessen, lassen sich entweder durch geniales Improvisationsgeschick der Darsteller oder durch penible Regiearbeit erklären. Heraus kommt jedenfalls ein unterhaltsamer Film mit brillanter Besetzung!