Filmtipp

Das letzte Kommando (1973)

Szene aus ‚Das letzte Kommando (1973)‘

Zwei Marinesoldaten sollen einen drakonisch verurteilten Kameraden in den Militärknast eskortieren. Bei ihrer Odyssee durch mehrere Städte fraternisieren sie mit dem Unglücksraben und werden sich der Ungerechtigkeit bewusst, mit der sein Schicksal besiegelt wird.

Suff und Puff. Liest man manche Besprechungen dieses Films und nicht zuletzt den DVD-Teaser, würde man schnell ein chaotisch-rasantes Roadmovie oder mindestens ein Werk à la „Hangover“ (2009) erwarten. Zumal die Story dazu passen würde: Zwei Matrosen sollen einen dritten in das Militärgefängnis geleiten und beschließen, die Reise künstlich zu verlängern. Aber „Das letzte Kommando“ dreht sich keineswegs, wie es eben der Cover-Text der DVD verheißt und die Rahmenhandlung hergeben würde, um Eskapaden mit Sex, Alkohol und Drogen. Diese Reihung kommt zwar vor – allerdings ohne dass sich der Film auf einen hedonistischen Trip dreier autoritätsfremder Matrosen kapriziert.

Denn die militärische Kleinmission gerät zu einem emotional turbulenten Streifzug durch das deprimierte Amerika der Post-Vietnam-Zeit am Ausgang der Nixon-Ära. Allein der Rahmen ist bizarr: Mit dem „Greyhound“-Bus und Zügen wird eine gewaltige Distanz zurückgelegt – nur damit am Ende ein verurteilter Soldat inhaftiert wird. Dabei warten die drei Männer an Bahnhöfen, übernachten in kleinen Hotelzimmern, landen in Kneipen und – tatsächlich – im Bordell. Sie treffen auf Rassisten, Regierungskritiker und Anhänger einer Alternativkirche. Auf Momente gelöster Heiterkeit folgen Szenen voll heftiger Konflikte.

Der Film beginnt auf einer Militärbasis, wo die beiden Soldaten Buddusky (Jack Nicholson) und Mulhall (Otis Young) widerwillig aus ihrem dumpfen Alltag herausgerissen werden. Ihr Vorgesetzter (Clifton James) halst ihnen einen Auftrag auf: Die beiden sollen ausrücken, um einen verurteilten Navy-Angehörigen, Meadows (Randy Quaid), in ein Soldatengefängnis zu eskortieren. Dafür müssen sie eine absurde Wegstrecke zurücklegen – hinzu kommt die lächerliche Dimension des Delikts, dessentwegen so viel Aufwand betrieben werden soll und ein drakonisches Strafmaß verhängt worden ist: Der Delinquent ist ein handzahmer Grünschnabel, der vierzig Dollar aus einer Spendenkasse gestohlen hat und dem man dafür acht Jahre aufgebrummt hat.

Bildquelle: Das letzte Kommando (1973), Columbia Pictures

Für Buddusky und Mulhall ist das ein unbegreiflicher Akt, der sie in ihren Vorurteilen gegenüber der Offizierskaste und ihrem generellen Misstrauen gegenüber dem Zusammenleben in der westlichen Welt noch bestärkt. Insbesondere Buddusky, der sich selbst „Bad Ass“ nennt, fühlt sich in seiner Grundhaltung bestätigt, in einem prinzipiell feindseligen Umfeld zu leben, in dem nur diejenigen bestehen, die sich besonders mies verhalten. Alle anderen, die hilfsbereiten und sensiblen – Leute wie Meadows – werden dagegen untergehen.

Und in diesem Punkt wird der Film in Beschreibungen oftmals verzerrt dargestellt und als heitere Komödie missverstanden, in der drei Männer ihre Maskulinität zelebrieren und ihren Vorgesetzten eins auswischen. Denn der Gang ins Bordell oder das kollektive Besäufnis sind Bestandteil eines verspäteten Lehrplans, im Leben zurecht zu kommen – jedenfalls aus der Sicht von Buddusky.

Bildquelle: Das letzte Kommando (1973), Columbia Pictures

„Das letzte Kommando“ hat zwar seine heiteren Momente; doch über allem legt sich eine pessimistische Patina, die dem Film eine ganz besondere Note verleiht. Dazu kommen die drei Hauptdarsteller: Zuallererst Jack Nicholson in der Rolle des zynischen und unberechenbaren Buddusky – ein innerlich geladener Enddreißiger, der sich sein lichtes Haar quer kämmt, auf der Brust zwei klischeehafte Matrosen-Tattoos trägt und stets eine Zigarre zwischen die Lippen geklemmt hat; Theke und Bordell scheinen seine natürliche Lebensumgebung zu sein.

Bildquelle: Das letzte Kommando (1973), Columbia Pictures

Dann der hünenhafte Otis Young, dessen markante Gesichtszüge stark an den „Peaky Blinders“-Star Cillian Murphy erinnern; er spielt den stoischen Mulhall – einen Mann aus dem Süden der USA, der ohnehin nicht viel auf Toleranz und Integrationskraft der amerikanischen Gesellschaft geben wird. Mulhall will sich zwar über das tragische Schicksal des Gefangenen so wenige Gedanken wie möglich machen; aber die eklatante Ungerechtigkeit erregt auch seinen Zorn.

Bildquelle: Das letzte Kommando (1973), Columbia Pictures

Und schließlich der kleptomanische, aus prekären Verhältnissen stammende Meadows, der von Randy Quaid gespielt wird: In völligem Kontrast zu seiner Körpergröße ist Meadows ein verletzlicher Kerl, mehr Junge als Mann, eher Opfer seiner Herkunft als selbstbestimmter Dieb. Und ausgerechnet diesen lammfrommen Typen sollen Buddusky und Mulhall in die Hölle des Militärknasts bringen; beide wissen, dass er dort keine Chance haben wird. „Das letzte Kommando“ ist, neben „Midnight Express“ (1978), übrigens eine gute Gelegenheit, sich in Erinnerung zu rufen, dass Randy Quaid vor vielen seiner Blödel-Rollen wie in „Hilfe, es weihnachtet sehr“ (1989) oder „Independence Day“ (1996) einer der großen US-Dramadarsteller war – für seinen Meadows wurde Quaid 1974 je für einen „Oscar“ und „Golden Globe“ als bester Nebendarsteller nominiert (Nicholson erhielt für beide Preise eine Nominierung in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller“).

Bildquelle: Das letzte Kommando (1973), Columbia Pictures

Still und heimlich arbeitet Regisseur Hal Ashby in seinem Drama die Schwächen einer Gesellschaft heraus, die sich selbst als pluralistisch und fair begreift. Selten sieht New England, das eigentlich idyllische Biotop der Ostküsten-Intellektuellen, so trist und depressiv aus wie in diesem Film. Die Protagonisten durchstreifen verregnete Gassen und grillen in einem zugeschneiten Park – kaum eine Location, in der nicht Dunkelheit herrscht. Es mag der Siebziger-Aufnahmetechnik geschuldet sein – aber alles erscheint stets etwas grauer, als es vermutlich in Wirklichkeit ist.

Bildquelle: Das letzte Kommando (1973), Columbia Pictures

Damit reiht sich „Das letzte Kommando“ ein in eine Ashby-Anthologie gesellschaftskritischer Filme – zu ihr zählen auch das Anti-Vietnam-Drama „Sie kehren heim“ (1978) oder die Satire „Willkommen Mr. Chance (1979), in der ein geistig minderbemittelter Gärtner zu einem hochgeschätzten Ratgeber der Mächtigen in Politik und Wirtschaft avanciert.