Filmtipp

Die letzte Vorstellung (1971)

Szene aus ‚Die letzte Vorstellung (1971)‘

Peter Bogdanovichs Film zeigt das Coming-of-Age einer Gruppe von High-School-Absolventen, deren allmähliche Flucht aus der Kleinstadt Anarene deren kulturellen und ökonomischen Tod bedeutet.

In dieser Stadt wird man schneller erwachsen als anderswo. Anarene ist ein texanisches Provinznest, so ruhig und unscheinbar, dass der Ort wie eine Geisterstadt wirkt – schon im Jahr 1951, also noch bevor die Industrie- in die Dienstleistungsgesellschaft übergeht. Dabei ist die Infrastruktur der Form nach gar nicht schlecht: Eine Tankstelle, ein Diner, eine Billard-Bar und sogar ein Kino könnten ein lebendiges, pulsierendes Stadtleben versprechen. Doch in Wirklichkeit präsentieren sich diese Kleinbetriebe als reichlich trostlose Stätten einer vielleicht irgendwann einmal besseren Vergangenheit. Die Billardtische stehen in einer Holzkaschemme, die sich von Gebäuden aus dem vorangegangenen Jahrhundert in keinem Nagel unterscheidet und genauso gut die Kulisse für die Schießerei in einem John-Wayne-Film sein könnte – nur dass sie dort sogar etwas glamouröser aussehen würde. Und auch das Kino liegt in den letzten Zügen, als sein Besitzer – Sam „the Lion“ (Ben Johnson) – stirbt.

Der Tod des Löwen

Dieser Sam ist ein Haudegen, ein Mann, dem die Lebenserfahrung im Gesicht geschrieben steht, der Träume hatte, die sich nicht erfĂĽllten, und der sich nur in ganz seltenen Momenten eine beherrschte Sentimentalität erlaubt, durch die er etwas ĂĽber seine Vergangenheit preisgibt. Sein Tod ist symbolisch fĂĽr das Schicksal von Anarene, das schon damals, wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wie aus der Zeit gefallen wirkt. FrĂĽher ein Cowboy und Farmer, scheitert er an der ökonomischen Transformation der 1950er Jahre, mit ihm stirbt auch die Zukunft der Stadt. Regisseur Peter Bogdanovich hat ihn mit Ben Johnson (1918–96) besetzt, der da bereits in unzähligen Western mitgewirkt hatte – u.a. an der Seite von Clint Easwood in „Hängt ihn höher“ (1968) und Sam Peckinpahs Gewaltinferno „The Wild Bunch“ (1968). Die verwundbare Männlichkeit, die tiefe Melancholie, die er in seine Rolle legte, trug Johnson 1972 einen „Oscar“ fĂĽr die beste männliche Nebenrolle ein.

Zu Sam blicken zwar die Jugendlichen auf, die in seinem Kino und seiner Billard-„Halle“ ihre Freizeit verbringen. Doch die haben es nicht leicht in dieser sterbenden Stadt und werden sie bald verlassen. Jetzt drängen sie, am Ende ihrer High-School-Zeit, in das Erwachsenenalter und -leben. Sie nutzen die Mobilität, die ihnen Busse und Züge bieten, um sich loszureißen aus dieser dem Untergang geweihten Provinz.

Zu diesem Coming-of-Age gehört vor allem körperliche Liebe, Sex. Während darüber öffentlich nur unter vorgehaltener Hand gesprochen wird, werden im Hintergrund die moralischen Normen reihenweise gebrochen. Sonny Crawford (Timothy Bottoms), ein aufgeweckter, teils auch ungewöhnlich verantwortungsbewusster junger Mann, beginnt eine Affäre mit der zwanzig Jahre älteren Ruth Popper (Cloris Leachman, die für ihre Nebenrolle ebenfalls mit einem „Oscar“ ausgezeichnet wurde) – der Frau seines Sportlehrers, die er in dessen Auftrag einmal zum Gynäkologen fahren soll und die ihn dann zu sich ins Bett holt. Sein Kumpel Duane Jackson (Jeff Bridges) verabredet sich mit seiner Freundin Jacy Farrow (Cybill Shepherd) für das „erste Mal“ in einem Motel – vor dem Appartement-Bungalow warten derweil im Auto Jacys kichernde Freundinnen auf den anschließenden Sexreport. Jacy belässt es aber nicht beim Sex mit Gleichaltrigen, sondern schläft auch mit dem erheblich älteren Abilene (Clu Gulager) – einem maskulinen Öl-Arbeiter, der im Dienste ihres Vaters steht und auch schon mit ihrer Mutter eine Affäre hatte. Und eine ganze Gruppe der High-School-Absolventen trifft sich nachts zum kollektiven Nacktbaden in einem Swimmingpool.

Doch mit dem Ende der High-School kommt für viele auch der Abschied von Anarene, ihrer Heimatstadt. Die wird dadurch noch fragiler, noch leerer, noch lebloser. Einige ziehen zum Studium in die großen Städte wie Dallas, andere wie der hitzköpfige Duane melden sich freiwillig bei der Armee. So ziehen dann auch die Ströme des Zeitgeschehens durch Anarene, als Duane sich von seinem Jugendfreund Sonny verabschiedet, weil er im Koreakrieg eingesetzt werden soll. Kultureller und sozialer Wandel in der heraufziehenden Massenkonsumgesellschaft drücken sich pointiert in einer konsternierten Analyse der Kinokassenfrau aus: „Nobody wants to come to shows no more. Kid baseball in the summer, television all the time.“

Ein Epilog auf die amerikanische Kleinstadt

„Die letzte Vorstellung“ wirft einen pessimistischen Blick auf die amerikanische Kleinstadt, die unter den Vorzeichen einer fortschreitenden Modernisierung in ihrer Existenz bedroht ist. Das reale Anarene war damals schon eine Geisterstadt, ein abgehängter Ort, der selbst zu seiner Blütezeit nie die Einwohnerzahl von einhundert Menschen überschritt und spätestens unterging, als er 1951 vom Eisenbahnverkehr abgekoppelt wurde. Eben einer der kleinen bis mittelgroßen Orte, die einstmals im Umkreis benachbarter Ölfelder und Kohleminen wuchsen und mit diesen versiegenden Quellen auch wieder verschwanden. Der Film selbst wurde stattdessen einige Meilen nördlich von Anarene gedreht; Bogdanovichs Crew machte die Aufnahmen in Archer City, der Heimatstadt von Larry McMurtry, auf dessen Roman der Film basiert.

Aber es ist nicht nur diese Geschichte vom allmählichen kulturellen und ökonomischen Tod, den der Exodus der Jugendlichen für die Kleinstadt bedeutet. Daneben geht es um die Diskrepanz von moralischem Anspruch und moralischer Praxis. Die Ehe gilt als Ausweis für soziale Integrität und glückliches Zusammenleben; doch in Wirklichkeit ist sie hier Quelle permanenten Unglücks – fast keiner der Verheirateten, die im Film gezeigt werden, ist mit seinem Leben zufrieden; die Ehe existiert, um sie im Geheimen zu brechen. So lebt die angespannte, depressive Ruth Poppers erst durch ihre Affäre mit dem jungen Sonny auf. Und auch Jacy Farrows Mutter Lois (Ellen Burstyn) liebt eigentlich einen anderen als ihren Mann – doch den hat sie aus wirtschaftlichen Gründen geheiratet.

Die Youngsters des New-Hollywood-Kinos

Der Film ist allerdings nicht nur ein beklemmender Abgesang auf die amerikanische Provinzstadt. Ganz klammheimlich hat sich in „Die letzte Vorstellung“ eine Riege ungemein talentierter Jungschauspielerinnen und -schauspieler zusammengefunden. Cybill Shepherd, die hier als Mischung aus Enfant terrible und Femme fatale die Männer instrumentalisiert, war zuvor als L’Oreal-Model in Erscheinung getreten und begann mit dieser Rolle, für die sie eine „Golden Globe“-Nominierung erhielt, ihre Filmkarriere; kurze Zeit später spielte sie an der Seite von Robert De Niro im legendären „Taxi Driver“ (1976) eine politische Aktivistin.

Auch Randy Quaid spielt einen der jungen Erwachsenen; kennt man ihn heute vornehmlich aus albernen Rollen wie der des notorisch asozialen Schwagers von Chevy Chases „National Lampoon“-Charakter Clark Griswold, so spielte er im Anschluss an „Die letzte Vorstellung“ bspw. mit in sensiblen Dramen wie „Das letzte Kommando“ (1973) oder „Midnight Express“ (1978).

Zu den ganz Großen seiner Generation zählte damals Timothy Bottoms. Trotz exzellenter Performances schaffte er jedoch nie den Sprung in die Riege der ultimativen Stars. Sein spektakuläres Debüt gab er, gerade mal zwanzig Jahre alt, in dem Anti-Kriegsfilm „Johnny zieht in den Krieg“ (1971), im selben Jahr, in dem er auch in „Die letzte Vorstellung“ auftrat. Nur wenig später spielte er dann in „Liebe, Schmerz und das ganze verdammte Zeug“ (1973) einen jungen Mann auf Sinnsuche in Spanien, der sich in eine sterbenskranke Frau verliebt. Durch solche Filme avancierte Bottoms zu einem der Protagonisten des New-Hollywood-Kinos, geriet jedoch durch zunehmend belanglosere Rollen in Vergessenheit.

Das unterscheidet ihn von seinem Generationsgenossen Jeff Bridges, der den aufbrausenden Duane Jackson spielt – ein amerikanischer Heißsporn, der die erstbeste Gelegenheit ergreift, um aus der sterbenden Stadt zu entkommen. Für Bridges, den Sohn des TV-Stars Lloyd Bridges, war dies gleichwohl nicht der erste Kameraauftritt – er hatte damals schon kleinere Serien- und Filmauftritte hinter sich gebracht. „Die letzte Vorstellung“ bedeutete gleichwohl den großen Auftakt seiner langen Filmkarriere; im Jahr darauf spielte er einen ähnlichen Charakter in „Fat City“ (1972), auch in „Der letzte Held Amerikas“ (1973) war er wieder der junge Mann aus der amerikanischen Provinz, in dem ein Feuer brennt und der viel mehr vom Leben will, als ihm seine Herkunft bietet. Der Duane Jackson aus „Die letzte Vorstellung“ gab also zunächst die Rollen vor, die Bridges in den 1970er Jahren vorwiegend spielte.

Ganz anders als Jeff Bridges erging es dem Originaldrehort, dem Städtchen Archer City. Hier lohnt sich eine Visite via Google Street View: Das Kino ist dort längst zur Ruine zerfallen.