Filmtipp

Moulin Rouge (1952)

Szene aus ‚Moulin Rouge (1952)‘

Im Pariser Sündenviertel Montmartre holen sich die Malergenies des ausgehenden 19. Jahrhunderts die Inspiration für ihre sozialkritischen Bilder. Ein Fixpunkt dieses überspannten Mikrokosmos ist das „Moulin Rouge“. Als die Kinoleinwände noch überwiegend Schwarz-Weiß zeigten, brachte John Huston diesen farbgewaltigen Film, der zugleich ein atmosphärisch gelungenes Porträt des berühmten Plakatkünstlers Henri de Toulouse-Lautrec ist.

Ja, was waren das für Zeiten. Betrachtet man die unzähligen Zeugnisse jener Epoche, dann merkt man, sie hin- und hergerissen war zwischen Elend und Fortschritt, Altem und Neuem. „Moulin Rouge“, das Original aus dem Jahr 1952, entführt seine Zuschauer in das legendäre Arbeiter-, Künstler-, Armen- und Sündenviertel Montmartre im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Hier tummelten sich die großen Maler der Zeit: Steinlen, Renoir, Toulouse-Lautrec. Denn der Ort war eine schier unerschöpfliche Quelle von Eindrücken, die von den dort ansässigen Künstlern bildgewaltig verarbeitet worden. So entstanden zwischen dem Ende des deutsch-französischen Kriegs 1871 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs zahllose Sozialstudien in Form eindringlicher Gemälde, deren Faszinationskraft anhält. John Hustons Film greift einen Protagonisten dieser Maler-Ära heraus: Henri de Toulouse-Lautrec (1864–1901). Dessen Werke erreichten Weltruhm, seine Plakate für die berühmte Amüsierstätte „Moulin Rouge“ läuteten eine Serie von Jugendstil-Zeichnungen ein, von denen z.B. „Le Chat Noir“ (von Théophile-Alexandre Steinlen) heute ein notorisches Dekorationsmotiv von Studenten-WGs ist.

Anhand Toulouse-Lautrecs (José Ferrer) Zeit am Montmartre versuchte Huston zu Beginn der 1950er Jahre zusammen mit einem vielköpfigen Team von Musik- und Bildspezialisten die einmalige Atmosphäre dieser entfernten Epoche wieder aufleben zu lassen. Während viele andere Künstlergenies mit Selbstzweifeln haderten und dem Alkohol verfielen, hob sich Toulouse-Lautrec von ihnen durch ein zusätzliches Merkmal ab, einen körperlichen Makel: Der Sprössling eines altehrwürdigen Aristokratengeschlechts aus Frankreichs Südwesten maß lediglich 1,50 Meter an Körpergröße. In der damaligen Gesellschaft machte ihn das zum „Krüppel“. Das Schicksal der Kleinwüchsigkeit milderte lediglich sein finanzieller Wohlstand, den er seiner Herkunft aus gutbetuchtem Hause verdankte. Aufgrund seines physischen Defizits und seines künstlerischen Talents nicht gewillt, in die aristokratische Gesellschaft seiner Eltern einzutreten, verließ er seine Heimatregion und zog nach Paris, um sich dort eine alternative Karriere als Maler aufzubauen. Denn die Malerei war sein Faible.

Nicht verwinden konnte er jedoch – das zumindest vermittelt Hustons Film – die tiefe Abneigung, die ihm von einigen Frauen entgegenschlug und ihn zu einem verbitterten Beziehungsskeptiker machte. Toulouse-Lautrec ist von Misstrauen erfüllt, sieht die Gründe für zwischenmenschliche Sympathien, die ihm entgegengebracht werden, vornehmlich in der Gier nach seinem Geld begründet, auf das es in der Tat einige abgesehen haben und das allein ihm in der Gesellschaft Respekt verschafft.

Der Film legt dann auch den Schwerpunkt auf Toulouse-Lautrecs verzweifelte Versuche, aus dieser chronischen Beziehungsunfähigkeit herauszufinden, aber auch auf seine selbstmitleidige Trunksucht, in die er sich nach erfolglosen Romanzen jedes Mal aufs Neue flüchtet – so sackt er betrunken auf den Kneipentisch oder führt in seinem Stock eine Alkoholreserve mit, auf die er während seiner Theaterbesuche zurückgreifen kann.

Zugleich erfährt man, wie der Künstler zu seinen Erfolgsarbeiten kam, gewinnt ein Gefühl für die Schwierigkeiten, auf die damals selbst ein Maler ohne Geldsorgen traf. Von Prostituierten bis zu gescheiterten Diven trifft man zudem auf zahlreiche andere Schicksale, die unterschiedliche Sozialfiguren der damaligen Zeit repräsentieren. So etwa die Tänzerin La Goulue [Video], die vom gefeierten Star zum verlachten Clochard absteigt und uns mit ihrem Schicksal die erbarmungslose Vergänglichkeit von Ruhm und Prominenz vor Augen führt.

Als „Moulin Rouge“ gedreht wurde, hatte Regisseur John Huston (1906–1987) bereits das Fundament gelegt für seinen späteren Status des unbestrittenen Hollywood-Giganten, mit Filmen wie „Die Spur des Falken“ (1941), „Gangster in Key Largo“ (1948) oder „African Queen“ (1951) – wer über Humphrey Bogart spricht, kann Huston nicht unerwähnt lassen. Mit viel Liebe zum Detail lässt er die Nächte im Vergnügungspalast „Moulin Rouge“ wieder aufleben, zeigt die temperamentvollen Tänzerinnen, die sich zum Amüsement des klatschenden Publikums und zu furiosen Orchesterklängen mit kreischendem Geschrei in solch ekstatische Bewegungsabläufe versetzen, dass den Repräsentanten der feinen Gesellschaft die Monokel aus dem Gesicht fallen; er zeigt aber auch die lebensweltliche Ödnis der unteren Gesellschaftsschichten, der Aussichtslosen, der Verwahrlosten.

Derweil beobachtet Toulouse-Lautrec, in der einsamen Begleitung eines stets gefüllten Cognacglases, vom Rand der Szenerie aus den irren Trubel, den er mit filigranen Handgriffen künstlerisch verfremdet zu Papier bringt. Anschließend muss er den skeptischen Lithografen von der Machbarkeit überzeugen, seine Motive mit ihren intensiven Farben im Druck vervielfältigen zu können. Mit Toulose-Lautrecs Zutun gelingt das aufwändige Unterfangen und die gedruckten Bilder werden in Paris plakatiert. Dort prangen sie dann in polarisierender Wirkung auf den Litfaßsäulen, erregen Bewunderung wie Abscheu und locken die Neugierigen auf ihrer Suche nach kleinen Eskapaden ins „Moulin Rouge“.

Toulouse-Lautrecs Vater (ebenfalls von Ferrer gespielt) sieht indessen den reputierlichen Familiennamen von „pornographic trash“ beschmutzt und entzieht daraufhin seinem Sohn die Unterstützung. In dem Zwiegespräch, das die beiden in Toulouse-Lautrecs kargem Atelier führen, erklärt der Jüngere dem Älteren in einem süffisanten Monolog, dass sich die Zeiten verändert hätten und die aristokratische Gesellschaft nur noch das Relikt einer vergangenen Epoche darstelle („You never worked. Our kind never did. We are the Grand Seigneurs. We are above work. We cloak ourselves in the glory of our name as though it was some remarkable achievement just to be born.“). Durch seine Allgegenwart in den Vergnügungsstätten des Montmartre – im Tanzpalast, im Theater, im Zirkus – avanciert Toulouse-Lautrec mit seinen Bildern zum Chronisten des kulturellen Entertainments jener Zeit – bis er schließlich seinem Selbstmitleid und Argwohn zum Opfer fällt.

Der Hauptdarsteller, José Ferrer (1912–1992), spielt den trübsinnigen Künstlergenius mit einfühlsamer Hingabe; weshalb ihm am Ende nicht nur seine Knochenarbeit – für die Darstellung eines Kleingewachsenen musste er ständig auf den Knien durch die Kulissen robben – eine „Oscar“-Nominierung bescherte. Außerdem zeigt „Moulin Rouge“ in der Rolle der französischen Sängerin Jane Avril (1868–1943) die spätere Klatschspalten-Queen und B-Movie-Hall-of-Famerin Zsa Zsa Gabor (Jahrgang 1917) in einem ihrer ersten Filme; gleich in einer der ersten Szenen lässt Huston sie im „Moulin Rouge“ ein melancholisches Lied singen – eine Einstellung, die sich über fast vier Minuten erstreckt.

Nachdem der Film in den Kinos angelaufen war, verklagten die Eigentümer des Pariser „Moulin Rouge“ die Produktionsfirmen, Huston und Ferrer auf fünf Millionen Dollar Schadensersatz (die seinerzeit unverschämte Summe von 21 Millionen Mark) und schmähten das Werk als „teilweise pornographisch und auf die Verherrlichung niedriger sexueller Abenteuer berechnet“[1].

„Moulin Rouge“, das ist heute kaum mehr bekannt, hatte große Bedeutung für die Etablierung des Farbfilms, der erstmals 1939 mit der monumentalen Romanverfilmung „Vom Winde verweht“ einen großen Kinoerfolg gefeiert hatte, bis zum Ende der 1950er Jahre aber nicht das Standardformat für die Leinwandunterhaltung aus Hollywood war. Und in der Tat würde man „Moulin Rouge“ mit seinen farbenprächtigen Aufnahmen nicht im Jahr 1952 vermuten, sondern vielleicht sieben, acht Jahre später. Bedenkt man, wie selten Farbe auf der Leinwand für das damalige Kinopublikum war, lässt sich ermessen, was für eine grelle Technicolor-Orgie der Film mit seinen übersättigten Farben gewesen sein muss. So schuf Huston ein Werk, dem man heute sein Alter deutlich ansieht, das seine Zeitgenossen aber noch technisch verblüffte und die Attraktivität des Farbfilms beträchtlich vergrößerte – ein „Monument in Technicolor“, mit einem „Überreichtum an schöner Fotografie“, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Herbst 1953 bemerkte.[2]

[1] Zitiert nach o.V.: „Moulin Rouge“ klagt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.1953.

[2] O.V.: Schöne Bilder und wenig Paris, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.1953.