Filmtipp

Sex and the Single Girl (1964)

Szene aus ‚Sex and the Single Girl (1964)‘

Tony Curtis und Natalie Wood nehmen sich in einer kurzweiligen Sex-Komödie selbst auf die Schippe und sind dabei an Frivolität kaum zu überbieten. Mit Dialogen und Szenen, die noch heute anzüglich wirken, war der Film in den frühen Sechzigern eine Provokation der Anhänger überkommener Moralvorstellungen.

Bob Weston (Tony Curtis) ist Chefredakteur einer niederträchtigen Boulevard-Gazette. Für seine auflagensteigernden Artikel und Schlagzeilen feiert ihn sein Chef als wahrhaft großen Journalisten, in der chauvinistischen Männerrunde der Redaktionskonferenz ist er der Star. Neues Opfer von Westons Schundjournalismus soll nun die Psychologin Helen Gurley Brown (Natalie Wood) werden – sie ist die Autorin eines Bestsellers, der amerikanischen Frauen zu mehr sexuellem Selbstbewusstsein verhelfen soll. Für Weston und sein Gespür für populäre Vereinfachungen liegt da freilich nur eine Frage nahe, nämlich ob Gurley Brown auch aus eigener Erfahrung sprechen kann oder noch unberührt ist. Da die Wissenschaftlerin mit dem notorischen Skandaljäger kein Interview führen will, begibt sich Weston für seine „Recherche“ kurzerhand inkognito als Patient in Gurley Browns Praxis. Um sich der feministischen Starpsychologin als besonders interessanter Fall anzudienen, benutzt Weston die Identität (und Eheprobleme) seines Nachbarn Frank Broderick (Henry Fonda). In der Tat findet Gurley Brown Gefallen an dem schüchtern und verklemmt auftretenden Pseudo-Ehemann – wissenschaftlich wie amourös. Allerdings droht Weston ein Debakel, denn bald schon will die Therapeutin mit seiner Gattin sprechen …

Die soziale – und vor allem: sexuelle – Emanzipation von Frauen ist zwar das Leitthema dieser Komödie. Aber in „Sex and the Single Girl“ verbergen sich noch etliche weitere Ansätze von Gesellschaftskritik, die humorvoll und unaufdringlich in das Filmgeschehen eingebettet sind: So offenbaren sich etwa die eigentümlichen Pathologien der Managementetagen, als die Kamera an einer Reihe beruflich erfolgreicher Personen vorbeizieht, von denen jede einen anderen Tick aufweist; ob in der Toilette oder der Kantine, überall gibt die seelenlose Automation die Handlungen vor – jede noch so geringfügige Dienstleistung muss per Münzeinwurf erkauft werden; oder der unfertige Highway, dessen Fertigstellung trotz genauen Zeitplans immer wieder verschoben wird, als Symbol für die notorische Planungsillusion; und natürlich die Psychologie, die nicht trotz, sondern gerade wegen des Zivilisationsfortschritts mit seinen vielen Nebenwirkungen eine Boom-Branche ist.

Die Stärke des Films liegt dann auch weniger in seinen Gags oder der Klimax der Handlung. Dazu hätten diese beiden Elemente deutlich spektakulärer ausfallen müssen. Auch darüber, dass der Film im Grunde den emphatischen Kampf für neue Geschlechterverhältnisse auf eine Liebeskomödie reduziert, sollte hinweggesehen werden. Wodurch „Sex and the Single Girl“ hingegen besticht, ist seine monumentale Besetzung: Stars des 1940er- und 50er-Jahre Kinos treffen auf solche der 1960er- und -70er Jahre. Tony Curtis und Natalie Wood erweisen sich hier als grandiose Kombination – erwartet man doch in fast jeder Einstellung, in der die beiden alleine vorkommen, dass sie jeden Moment in zügelloser Begierde übereinander herfallen. Die beste Szene spielen jedoch die Altstars: Wenn Lauren Bacall und Henry Fonda auf der Party anlässlich ihres zehnten Hochzeitstages melancholisch-verliebt und mit Tränen getränkten Gesichtern tanzen, dann ist das eine Aufnahme, bei der man sich unvermittelt fragt, weshalb sie eigentlich nicht zu den bekanntesten der Filmgeschichte zählt. Stark ist auch, wie der epische „Krieg und Frieden“-Darsteller Mel Ferrers seinen „Martini Dance“ vollführt.

Aus heutiger Sicht macht das den Film ganz nebenbei zu einer faszinierenden Retrospektive. Tony Curtis mag hier zwar den agilen Junggesellen mimen; aber seine großen Kinohits landete dieser Mann in den 1950ern – ein Held in Schwarz-Weiß. Natalie Wood war damals zwar noch keine Dreißig, aber ihre große Rolle hatte sie bereits 1961 in der „West Side Story“. Lauren Bacall ist ein Star der 1940er und 50er Jahre, ihr Ehemann Humphrey Bogart war 1964 schon seit sieben Jahren tot. Henry Fonda blickte damals schon auf ein gewaltiges Oeuvre zurück und Mel Ferrer, der hier auf noch so kleinem Raum fast vor gravitätischer Eleganz explodiert, war ebenfalls ein Stern des Fünfziger-Jahre-Kinos.

Fonda, Ferrer, Bacall: Das waren Namen, deren triumphale Zeit vorüber war (aber selbst Curtis und Wood hatten da schon ihren Karriere-Zenit überschritten). Ausgerechnet diese Stars stammten aus einer Ära, in der Filme wie „Sex and the Single Girl“ niemals möglich gewesen wären. Aber vielleicht konnten sie gerade deshalb, als Ikonen der älteren Generationen, eine kulturell-mentale Brücke spannen und zwischen Jung und Alt vermitteln. Die anzüglichen Dialoge und wenig verhüllten Gelüste der im Film gezeigten Charaktere muten noch heute obszön an, sind aber natürlich bei Weitem keine Tabubrüche mehr. Dass der Film damals überhaupt gedreht wurde und mit den Verklemmtheiten einer in vielen Belangen modernen, in sexueller Hinsicht jedoch ungemein rückständigen Gesellschaft spielt, zeigt aber auch, wie sehr sich schon zu jener Zeit Fortschritte in Richtung eines aufgeklärten, emanzipierten und liberalen Gemeinwesens eingestellt hatten. Es waren Filme wie „Sex and the Single Girl“, die – auch in Deutschland – die sexuelle Befreiung beförderten, indem sie die Menschen in ihrem Alltag damit konfrontierten und als gewöhnliche Bestandteile der Unterhaltungsindustrie das wandelten, was als normal und gängig empfunden wurde.

Helen Gurley Brown (1922–2012) gab es übrigens wirklich – mitsamt ihrem Buch. Dem Film deshalb einen biografischen Realitätsbezug zu attestieren, würde zwar zu weit gehen. Dennoch beruht zumindest der Hintergrund auf einer wahren Begebenheit: Ihr literarisches Debüt „Sex and the Single Girl“ aus dem Jahr 1962 machte sie auf einen Schlag zu den bekanntesten Frauen der Sechziger Jahre – auch in Deutschland (dort erschien das Buch 1963 unter dem Titel „Sex und ledige Mädchen“). Ein Jahr nach dem Curtis-/Wood-Film, also 1965, avancierte Gurley Brown zur Chefredakteurin des Modemagazins Cosmopolitan – noch bis zu ihrem Tod im Jahr 2012 wurde sie als dessen Herausgeberin geführt. Insgesamt 32 Jahre lang formte sie die Zeitschrift zu einer globalen Erfolgspublikation und begründete damit eine in diesem Segment nahezu beispiellose Publizistinnen-Ära.Info-Bubble: zum Anklicken für zusätzliches Filmwissen

Im Sommer 1963 indizierte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften eine Ausgabe des Jugendmagazins Twen, in der Auszüge aus Gurley Browns Buch abgedruckt waren. Das Bundesinnenministerium beklagte sich, dass darin „ehewidriges Verhalten“ dargestellt würde und dieses in der Lage sei, „Jugendliche in sexualethischer Hinsicht irrezuführen und dadurch erheblich sittlich zu gefährden“. Der deutsche Amtsstuben-Konservatismus reichte also offenbar (noch) so weit, das Buch nicht nur als provokant-progressive, sicherlich auch anstößige Lektüre zu empfinden, sondern darin sogar eine Bedrohung des gesellschaftlichen Normengefüges zu erkennen. Im Unterschied zur amerikanischen Originalversion tauchte im späteren deutschen Filmtitel das „Sex“ dann auch gar nicht erst auf und wurde durch eine dezente Typografie-Ellipse ersetzt.

Damit setzte Gurley Brown ihre Arbeit fort, die sie mit ihrem kontrovers diskutierten Buch „Sex and the Single Girl“ 1962 begonnen hatte: freizügig über das Liebesleben unverheirateter Amerikanerinnen zu sprechen und für ausgiebige Promiskuität zu plädieren – was sich später in der Figur des „Cosmo Girl“ verdichtete. Die vormalige Werbetexterin trug zur Normalisierung der Geschlechterverhältnisse bei, indem sie Sex-Affären als exklusives Privileg von Männern infrage stellte. Während es in den Cosmopolitan-Heften zuvor ziemlich züchtig zugegangen war, revolutionierte Brown das Konzept gleich mit ihrer ersten Ausgabe und der Schlagzeile: „World’s Greatest Lover – What it was like to be wooed by him“. Unter ihrer Ägide explodierte die Auflage von rund 800.000 auf drei Millionen in den 1980ern. Im Veröffentlichungsjahr des von Gurley Brown inspirierten Films „Sex and the Single Girl“ erschien ihr zweites Buch, „Sex and the Office“ (1964). Zudem gehört Gurley Brown zu den Persönlichkeiten, von denen ganze Sammlungen legendärer Zitate überliefert sind, eines unter vielen etwa: „Good girls go to heaven, bad girls go everywhere.“