Filmtipp

The California Kid (1974)

Szene aus ‚The California Kid (1974)‘

Kurzbeschreibung des Films: Die penetrante Auslegung von Gesetzen kann eine geradezu tyrannische Autorität der Behörden begründen: Zumindest ist das so in der Wüstenkleinstadt Clarksberg. Dort treibt ein Sheriff die Fahrer selbst bei geringfügigen Geschwindigkeitsüberschreitungen bis in den Tod. So verlor auch Michael McCord seinen jüngeren Bruder: Jetzt kommt McCord in die Stadt, um sich Klarheit über die Tragödie zu verschaffen – mitgebracht hat er einen mächtigen Boliden: sein getuntes Ford-Coupé „California Kid“.

Die Kratzspuren an der verchromten Stoßstange werden ihn später verraten; aber im Augenblick wissen nur die Zuschauer, wie es wirklich gewesen ist. Zwei Navy-Matrosen sind mit ihrem Wagen etwas zu schnell unterwegs und geraten in das Visier des Sheriffs. Statt anzuhalten, ergreifen sie panisch die Flucht und werden gejagt, gerammt, in eine Schlucht abgedrängt. Ihr Mörder ist Sheriff Roy Childress (Vic Morrow), ein Mann, der noch so geringfügige Geschwindigkeitsvergehen mit dem Tod bestraft – „Speed kills“, wie ein Schild am Eingang zur Stadt warnt. Nur diejenigen, die keinen Fluchtversuch wagen, kommen mit dem Leben davon.

Bildquelle: Universal

Alle, die vom Sheriff gestoppt werden, geraten in die Fänge einer kleinstädtischen Mikrojustiz: Ein Richter betritt den Saal, der nahtlos in die Polizeistation übergeht, und verurteilt die dort versammelten Delinquenten zu absurden Strafzahlungen. Wer nicht zahlen kann, muss in die Gefängniszelle. Draußen wartet dann ein Taxifahrer, der sich darauf spezialisiert hat, die Sündigen zu ihren abgestellten Fahrzeugen außerhalb der Stadt zu bringen – eine lukrative Verwertungskette, die sich da mit der Zeit etabliert hat. Wie so oft in Filmen, die in amerikanischen Kleinstädten spielen, macht der Sheriff mit dieser Schikane allen Fremdlingen klar, dass er sie als Störenfriede seiner Domäne betrachtet und sie daher schnellstmöglich das Weite suchen sollten.

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Freiheit durch Mobilität, wie sie in den USA ja eigentlich zur Gründungsakte der Nation gehört, wird hier – durch die selbstherrliche Autorität eines Provinzpolizisten – auf das Heftigste beschnitten. Die Hilflosigkeit der Menschen, die in dieses System hineingeraten, ergibt sich aus der bedingungslosen Zusammenarbeit des Sheriffs – dem Vertreter der Exekutive – mit dem Richter, der Justiz. Die klassische Gewaltenteilung von ausführenden und rechtsprechenden Organen ist aufgehoben, zu den Handlungen der Staatsgewalt gibt es, zumindest vor Ort, kein Korrektiv.

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Dieses System, das der Film zeigt und das vermutlich vom Verfassungsideal weiter entfernt ist als von der Wirklichkeit, wird dann auch erst bedroht durch eine eigenwillige Persönlichkeit, die von niemandem beauftragt ist und auch keinerlei offizielle Legitimation besitzt: Michael McCord (der junge Martin Sheen), fest entschlossen, den Tod seines jüngeren Bruders (gespielt von Sheens jüngerem Bruder Joe Estevez) aufzuklären, der hier im Wrack seines Fahrzeugs starb, das bei der Verfolgungsjagd zu Beginn des Films von der Straße abkam und in eine Schlucht stürzte. Dass McCord sich nicht mit den offiziellen Informationen abspeisen lässt, dass er hartnäckig nach jeder noch so geringen Spur fahnden und dass er sich keine Sekunde von den Drohgebärden des Sheriffs einschüchtern lassen wird: Daran lässt er von Beginn an keinen Zweifel.

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McCords Auftritt ist natürlich prädestiniert für einen Konflikt mit dem Sheriff: Er trägt eine Lederjacke, das Signum des jugendlichen Rebellen, und fährt ein getuntes Ford Coupé aus den 1930er Jahren, das von wütenden Flammen auf schwarzem Lack geziert wird und den Namen „California Kid“ trägt. „Hot Rods“ nennt man diese frisierten Kisten, die in den frühen 1970er Jahren durch Filme wie „California Kid“ und „American Graffiti“ (1973) urplötzlich im Trend lagen und mit viel Bastel-Elan zusammengeschraubt wurden. McCord und sein Auto sind für den Sheriff die pure Provokation. Später werden sich die beiden Kontrahenten, wie im Western, zum Duell treffen: McCord im 1934er Ford 3 Window Coupe und Childress im damals nigelnagelneuen 1957er Plymouth Fury. Einer von ihnen wird dann irgendwo im Hinterland von L.A. zurückbleiben.

Bildquelle: Universal