Filmtipp

The Crying Game (1992)

Szene aus ‚The Crying Game (1992)‘

Kurzbeschreibung des Films: Dieser Film ist schwer zu beschreiben – und eben deshalb sehenswert. Neil Jordans Thriller-Drama enthält einen der phänomenalsten Handlungsbrüche der Filmgeschichte.

Ein verwunschener Ort ist das, an dem die beiden Männer hier ausharren. Irgendwo in Nordirland sitzen sie in einem verlassenen Gewächshaus. Anhand dessen Anblicks lässt sich kaum der Zeitpunkt der Handlung diese Films bestimmen (es sind die frühen Neunziger), der eine ist gefesselt und vermummt, der andere hält eine Waffe in der Hand. Augenscheinlich befinden sich beide in gegensätzlichen Positionen, Geisel und Geiselnehmer. Doch beide leiden: Jody (Forest Whitaker), weil er gekidnappt worden ist und mit seinem baldigen Tod rechnen muss; Fergus (Stephen Rea), weil er einer der gewaltsamen Entführer ist und im Widerspruch zu seiner kaltblütigen Mission nun Mitgefühl für den Gefangenen entwickelt hat. Das macht ihn zu einem dieser Charaktere, die man für gewöhnlich als „vielschichtig“ bezeichnet. Denn Fergus, der Mitfühlende, der in stundenlangen Gesprächen mit seiner Geisel so viel über deren Gefühlswelt und Leben erfahren hat, dass er da irgendwo im Wald nun keine anonyme Person mehr exekutieren würde, ist irischer Terrorist und der britische Soldat Jody ein Verhandlungsobjekt der IRAInfo-Bubble: zum Anklicken für zusätzliches Filmwissen

Regisseur Neil Jordan setzte sich mit der IRA vier Jahre später deutlich intensiver auseinander, als er 1996 mit Liam Neeson in der Hauptrolle die Bedeutung des irischen Unabhängigkeitskämpfers Michael Collins in der IRA-Gründung verfilmte.

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Der Film beginnt aber nicht in dem düsteren Gewächshaus, sondern auf einem belebten Rummelplatz. Jodys Jahrmarktromanze Jude (die gebürtige Engländerin Miranda RichardsonInfo-Bubble: zum Anklicken für zusätzliches Filmwissen

Angeblich war Miranda Richardson erste Wahl für die weibliche Hauptrolle in „Eine verhängnisvolle Affäre“ (1987) an der Seite von Michael Douglas – den Part der gruseligen Stalkerin erhielt dann aber Glenn Close.

) entpuppt sich als eiskalte IRA-Frau, die ihr Opfer mit dem Versprechen auf schnellen und unverbindlichen Sex in eine Falle lockt; ihr Mitkämpfer Maguire (Adrian Dunbar), der Kopf des Entführungskommandos, will seiner Geisel nicht einmal den Beutel, der über deren Kopf gestülpt wurde, abnehmen und würde sicherlich keine Sekunde mit dem tödlichen Schuss zögern.

Jody, der Angehörige der britischen Armee, soll gegen einen internierten IRA-Kameraden ausgetauscht werden – das Ultimatum beträgt nur wenige Tage. Im Gegensatz zu seinen kompromisslos gewaltbereiten Mitkämpfern ist Fergus empfänglich für Gespräche mit der Geisel, zumal in einem geschlossenen Raum, der während des tagelangen Ausharrens in einem entlegenen Waldgebiet keinerlei Gelegenheit zur Abwechslung bietet; hinzu kommt eine intime Nähe – so muss er dem gefesselten Jody selbst beim Toilettengang im Gebüsch jeden Handgriff abnehmen. Und schon bald darf er einen Blick auf das Foto von Jodys Geliebter werfen, der er im Falle von Jodys unfreiwilligem Ableben eine persönliche Nachricht überbringen soll.

Trotzdem: Dieser Film ist kein politischer Thriller, in dem es um den Kampf zwischen Terroristen und Regierung geht. Schon die zeitgenössischen Filmrezensenten waren seitens der Produktionsfirmen angehalten worden, in ihren Berichten nicht allzu viel von der Handlung des Films preiszugeben. Deshalb sei auch an dieser Stelle nicht mehr verraten, als dass im Anschluss an die Geiselnahme-Sequenz ein abrupter, nein: radikaler Bruch im Handlungsverlauf erfolgt und – augenscheinlich – eine gänzlich neue Geschichte beginnt.

Als wäre man in Sekundenschnelle in einem Helge-Schneider-Film gelandet, stellt sich die Entführung des britischen Armeeangehörigen als Episode heraus, obwohl man als Zuschauer bis dahin noch fest von einer fortdauernden Auseinandersetzung zwischen Geisel und Geiselnehmer ausgegangen ist. Diese naheliegende Vorstellung wird von Regisseur und Drehbuchautor Neil Jordan trocken pulverisiert – aber „The Crying Game“ erhielt dann ja auch den „Oscar“ für das beste Screenplay. Der internationale Erfolg, den Jordan für sein außergewöhnliches Werk feierte, ermöglichte dem irischen Filmemacher anschließend auf der ganz breiten Hollywood-Schiene zu fahren, sodass er 1994 das starbesetzte „Interview mit einem Vampir“ herausbrachte (in dem Stephen Rea eine Nebenrolle hatteInfo-Bubble: zum Anklicken für zusätzliches Filmwissen

Neben „The Crying Game“ (1992) und „Interview mit einem Vampir“ (1994) arbeiteten Neil Jordan und Stephen Rea noch in etlichen anderen Produktionen zusammen, so auch in „Angel“ (1982), „Die Zeit der Wölfe“ (1984), „Michael Collins“ (1996), „Der Schlächterbursche“ (1997), „Das Ende einer Affäre“ (1999) und „Ondine“ (2009).

).

Der damals phänomenale Handlungsbruch ist aber nicht das einzige, was „The Crying Game“ ausmacht. Mit zwei bis drei zentralen Handlungsorten, neben dem Gewächshaus ein Nachtclub und ein Appartement, bietet Jordan zwar nur wenige Schauplätze auf, doch die sind äußerst stimmungsvoll arrangiert. Auch die Besetzung passt zu den unterschiedlichen Figuren: Miranda Richardson entfaltet unheimlich gut die kraftvolle, furchteinflößende Emphase der unwiderruflich radikalisierten Terroristin, die zu allem bereit scheint. Stephen Rea, der für einen „Oscar“ als „Bester Hauptdarsteller“ nominiert wurde, entwickelt mit seinem Fergus eine glaubwürdig gebrochene Figur, die ein neues Leben beginnen will und hierfür nach einem Orientierungspunkt sucht. Adrian Dunbar spielte noch im Jahr zuvor in „Hear my Song“ (1991) einen sympathischen Nightclub-Manager, hier tritt er mit der gleichen Glaubwürdigkeit als kaltblütiger Anführer eines IRA-Killerkommandos auf. Und Jaye Davidson verblüfft mit einem brillanten Schauspieldebüt, das ebenfalls für den „Oscar“ nominiert wurde.

Den Plot mag man für eine kommerzielle Filmproduktion verrückt oder gewagt finden, doch unrealistisch ist er nicht: Zwar geht es nicht um außeralltägliche Schicksale, jedoch um solche, die in leicht abgewandelter Form durchaus denkbar sind. Den Zuschauenden begegnen sonderbare Charaktere mit extremen Handlungsdispositionen, außerordentlich klassische Motive wie Liebe und Hass, Verrat und Loyalität sind die Impulsgeber. Ein turbulenter, eigenwilliger Film mit viel Atmosphäre.