Filmtipp

The Go-Between (1971)

Szene aus ‚The Go-Between (1971)‘

Sie hat alles und steht doch vor dem Nichts. Ihr Status verschafft Marian Maudsley, einer jungen Engländerin aus reichem Haus, materielle Sorglosigkeit und jeden erdenklichen Alltagskomfort. Aber zugleich verbietet er ihr das Zusammensein mit dem Mann, den sie liebt. Das ist eine, vielleicht sogar die klassische Tragik der Liebe: die künstliche, erzwungene Trennung. Marian ist ein Kind der englischen upper class, und als solches den Konventionen einer spezifischen Lebenswelt, bestimmt die soziale Herkunft, verpflichtet. Und die untersagen ihr die Beziehung mit dem Bauern Ted Burgess, einem Pächter ihres Vaters zumal.

Burgess gilt als Schürzenjäger, der beim Krocket, Jagen oder Schwimmen vor Manneskraft strotzt und dessen Maskulinität die aristokratischen Geschlechts­ge­nos­sen nur im Bewusstsein ihres gesellschaftlich überlegenen Ranges ertragen. Einer dieser Männer ist Viscount Trimingham (Edward Fox), ein Veteran aus dem schrecklichen Burenkrieg, dessen Militärzeit eine martialische Narbe auf der rechten Wange bezeugt. Er ist der sozial adäquate Partner, dem Marian versprochen ist, den sie aber natürlich nicht liebt, nicht begehrt.

Nahaufname von Trimingham (gespielt von Edward Fox) mit rauchender Zigarre.
Edward Fox als arroganter Elitenspross Viscount Trimingham. | Bildquelle: Canal+

Julie Christie, damals Ende zwanzig, spielt die junge Adlige, die sich heimlich per Brief zum Sex verabredet – mit dem Mann, über den sich selbst ihre pubertierenden Brüder erheben. Und Alan Bates ist dieser Ted Burgess, der virile Farmer, der stets lakonische Antworten auf Marians Briefe verfasst und dann mit ihr in den Stall geht. Als Boten, der ihre Sex-Verabredungen koordiniert, indem er für die Liebenden hin und her eilt, zwischen dem schlossartigen Anwesen und dem mickrigen Bauernhof, haben sie den zwölfjährigen Leo Colston (Dominic Guard) verpflichtet, einen Jungen aus einfachen Verhältnissen, der im Herrenhaus der Maudsleys für die Zeit der Schulferien als Gast aufgenommen worden ist.

Nahaufnahme von Julie Christie als leicht lächelnde Marian Maudsley.
Julie Christie gelingt die mimische Gratwanderung zwischen Fröhlichkeit und Tragik ihrer Figur. | Bildquelle: Canal+

Was Liebe, vor allem körperliche, bedeutet, weiß Leo allerdings nicht. Sein Aufklärungswissen reicht nur zur vagen Vermutung, dass Küssen etwas mit Kinderkriegen zu tun haben könnte. Später will er von Burgess wissen, was Liebende konkret machen. Aber der ist mit dieser Anfrage des Heranwachsenden überfordert – die Prüderie der Zeit ist schichtübergreifend.

Naufnahme von Alan Bates als Ted Burgess vor einem Fenster seines Bauernhauses.
Alan Bates verströmt das maskuline Selbstbewusstsein der hart arbeitenden Unterschicht. | Bildquelle: Canal+

Das verbotene Liebesabenteuer scheint unentdeckt, doch in Wirklichkeit ahnt der Vater (Michael Gough) längst, was hinter seinem Rücken geschieht – aber in all seiner Konfliktscheue schreitet er nicht ein und hofft, dass die sozialen Zwänge ihre übliche Wirkung tun und die Affäre früher oder später beenden werden. Und schließlich, so ein Bonmot des jungen Viscount Trimingham, trage eine Lady niemals Schuld. Die Mutter indes (sehr stark gespielt von Margaret Leighton), die eigentliche Matriarchin der Familie, wird es irgendwann herausfinden, indem sie den jungen Leo mit schnell wachsender Hysterie in die Ecke drängt, auf dass er sie zu dem heimlichen Liebespaar führe. Überhaupt wird Leo von den Erwachsenen ständig manipuliert, durch sozialen Druck und das emotional brutale Wechselspiel erwiesener und entzogener Gunst für ihre Zwecke eingespannt.

Nahaufnahme von Margaret Leighton als Mrs. Maudsley.
Margaret Leighton strahlt die Härte aus, mit der ihr Charakter, Mrs. Maudsley, gegen individuelle Interessen die Einhaltung gültiger Werte und Normen erzwingt. | Bildquelle: Canal+

LeoLeo Colton – und sein Freund Marcus Maudsley (Richard Gibson), einer von Marians jüngeren Brüdern – verkörpern jene Generation britischer Männer, die später auf den blutgetränkten Schlachtfeldern der Somme, Flanderns oder Verduns kämpften, litten, starben. Der glutheiße Sommer des Jahres 1900, in dem „The Go-Between“ spielt, hat oft als Kontrastfolie gedient, in Abgrenzung zu den Gräueln des Ersten Weltkriegs oder den Krisen der 1920er Jahre, als Höhepunkt des weltumspannenden Empire mit seiner enormen militärischen und ökonomischen Kraft. Eine Verklärung, natürlich; aber die perfekte Vorlage für einen Film.

Blick auf die agrarische Feldarbeit mit Landmaschinen, links trotten zwei Pferde heran.
Abseits der tragischen Beziehungsgeschichte fängt Joseph Losey, der amerikanische Regisseur, mit viel Liebe zum Detail die englische Szenerie ein. | Bildquelle: Canal+

The Go-Between“ ist keine sonderlich außergewöhnliche Geschichte, war es wohl auch in den frühen Siebzigern nicht, als der Film erschien. Aber Regisseur Jospeh Losey inszeniert ihn mit einer spannungsvollen Ruhe, in der zwar viel Fröhlichkeit gezeigt wird, über der aber immer eine melodramatische Patina liegt. Vor allem aber ist er gut besetzt, insbesondere in den Nebenrollen: Michael Gough, der englische Gutsherr, spielte zwischen 1989 und 1997 in vier „Batman“-Streifen an der Seite erst von Michael Keaton, dann von Val Kilmer und George Clooney den treuen Butler Alfred.

Als „Alte-Mann“-Version von Leo ist Michael Redgrave besetzt worden – er spricht fast kein Wort, sondern artikuliert sich lediglich über feine, kaum erkennbare Nuancen seiner Gesichtszüge –: ein britischer Darsteller aus der inzwischen fast in Vergessenheit geratenen Laurence-Olivier-Generation, zugleich Vater von Lynn, Corin und Vanessa Redgrave, damit Kopf einer ganzen Schauspieldynastie und hier in einem der letzten seiner mehr als siebzig Filme zu sehen. Edward Fox, Marians sozial diktierter Ehemann, war 1973 „Der Schakal“ (die Rolle, die dann Bruce Willis im 1997er Remake übernahm) und ist immer wieder als britischer Offizier besetzt worden – sein Viscount Trimingham wirkt nicht einmal unsympathisch, aber agiert immer unter der Voraussetzung eines letztlich arroganten Überlegenheitsgefühls. Und Margaret Leighton, eine gefeierte Theater-Aktrice der 1940er und 1950er Jahre, strahlt als Lady Maudsley eine natürliche Aura überkommener Noblesse und Autorität aus, selbst – und insbesondere – beim Dinner mit Gleichgestellten.

Blick auf die elitäre Tischgesellschaft.
Neben der stimmungsvoll rekonstruierten Szenerie gelingt Losey aber auch eine mentale Momentaufnahme der britischen upper class im Fin de Siècle. | Bildquelle: Canal+

Nicht minder gut getroffen sind die drei Hauptfiguren: Dominic Guard überzeugt als junger Leo, der sich wegen seiner geringeren Herkunft im Kreise der selbstherrlichen Aristokraten mit ihren Ritualen und Manieren deplatziert fühlt, sich in einer Art selbstbewusster Bescheidenheit jedoch zu behaupten weiß – nicht zuletzt durch die frühe Unterstützung einer Insiderin: Marian (bei der er sich wohl auch in pubertärem Übermut eine Chance auf überdurchschnittliche Zuneigung ausmalt). Sechs Jahre war es da schon her, dass Julie Christie „Doctor Zhivago (1965), diesen irre epischen Monumentalfilm, gedreht hatte – als Dauergeliebte eines aristokratischen Arztes, für die das legendäre „Lara-Theme“, eine eigene szenische Musikbegleitung, geschrieben worden war. Im selben Jahr wie „The Go-Between“ erschien Robert Altmans kluger Anti-Western McCabe & Mrs. Miller“ (1971) (Review auf Filmkuratorium.de lesen), in dem Christie eine abgebrühte Prostituierte spielt, die im wilden Frontier-Amerika das Kommando über ein Bordell am Rande der Zivilisation übernimmt.

Alan Bates, wie so oft bärtig und mit Haarmähne, eine Art viktorianisches Sex-Objekt, wirkt hier erheblich grobschlächtiger, rein physischer als in „Women in Love“, dessen Erscheinung doch nur zwei Jahre zurücklag und in dem er eine seinerzeit skandalöse Nackt-Wrestling-Szene mit Oliver Reed gespielt hatte. Bates ist den Adelssprösslingen an Physis, Tatkraft und Stimmgewalt überlegen – das zeigen die Szenen, in denen er schwimmt, den Krocket-Ball drischt oder auf seiner Farm malocht. Doch den Klassenschranken steht er hilflos gegenüber, vielleicht – man weiß es nicht – ein stiller Triumph, eine Dame des hohen Hauses verführt zu haben.

Am Ende ist es ein bisschen wie bei „Downton Abbey“ (2010–15), der ultimativen Fernsehserie über die britische Aristokratenwelt am Vorabend ihres Untergangs: Auch in „The Go-Between“ merkt man, dass die gezeigte Gesellschaftshierarchie nicht mehr lange Bestand haben wird, allein schon wenn man Gepflogenheiten, Ideale und Voraussetzungen dieser Eigenwelt betrachtet. Im Jahr 1971, ebenfalls einer Zeit, in der sich viel zu wandeln begonnen hatte, erhielt Loseys Verfilmung des Harold-Pinter-Drehbuchs, das wiederum auf dem gleichnamigen Roman von L.P. Hartley basierte, die „Goldene Palme“ von Cannes.

Vielleicht resultiert die überraschende Intensität des Films aus Loseys Lebensweg: ein amerikanischer Filmemacher, damals schon über sechzig, einst vor der wahnwitzigen Kommunistenhatz der McCarthy-Ära auf die britischen Inseln geflüchtet, der als kulturell Fremder möglicherweise besonders sensibel auf die Vergangenheit seiner Aufnahmegesellschaft geblickt hat. Und in „The Go-Between“ nimmt die Kamera oft eine spezielle, eine Losey-Perspektive ein – die eines neugierigen Beobachters, der aus sanfter Distanz in einen Raum, auf eine Gruppe, eine Situation blickt, um die kulturellen Eigenheiten einer ihm fremden Gesellschaft zu studieren, allmählich als teilnehmender Beobachter einzutauchen in die Geschehnisse: das gemeinsame Tischgebet, das Krocket-Match, die dörfliche Festgemeinschaft oder der kollektive Kirchgang. Die Anachronismen dieser Zeit müssen nicht explizt erklärt werden – und werden es auch nicht –, weil die detaillerten Szenerien und subtilen Charaktere sie unübersehbar machen.