Filmtipp

The Hospital (1971)

Szene aus ‚The Hospital (1971)‘

Kurzbeschreibung des Films: Der groĂźartige George C. Scott spielt den medizinischen Leiter eines New Yorker Krankenhauses, der sich mit Selbstmordgedanken trägt. Dr. Herbert Bock hat beruflich alles erreicht, ist jedoch impotent, von seiner Frau verlassen und von seinen Kindern entfremdet. Mit präzisem Zynismus kommentiert er den chaotischen Klinikalltag und die sozialen Protestbewegungen.

Dr. Herbert Bock (George C. Scott) hat eigentlich alles erreicht: Er ist Vater zweier Kinder, zum medizinischen Leiter des renommierten Manhattan Medical Center aufgestiegen, ein allseits respektierter Arzt, dessen Worte sich in jedem Medizinlehrbuch finden. In Wirklichkeit aber ist er eine desolate Figur, ein seelisches Wrack, das ĂĽber den TrĂĽmmern seiner zerrĂĽtteten Familie steht und sich mit Selbstmordgedanken trägt.

Wenn er frĂĽhmorgens durch einen Telefonanruf aus seinem Schlaf gerissen wird, sitzt er noch in voller Bekleidung vor dem flimmernden Fernseher. Dann geht er zurĂĽck ins Krankenhaus, wird dort viele frustrierende, stressige Stunden verbringen, die seine ĂśbermĂĽdung nur noch steigern. Längst beschäftigen ihn nicht mehr seine medizinischen Forschungsarbeiten; vielmehr kreisen seine Gedanken um die beste Art, sich möglichst schmerzlos das Leben zu nehmen, ohne dass anschlieĂźend die Gutachter der Lebensversicherung einen Suizid nachweisen können. Im Beisein eines Psychologen fĂĽhrt er darĂĽber einen fachmännischen Monolog: „Digitalis will give you an arrhythmia. A good toxologist would find traces. Potassium’s much better. Milli-equivalent. Instantaneous. Then you’re stuck with how to get rid of the hypodermic.“

Seine Familie soll wenigstens von seinem Tod profitieren, wenn sie zu seinen Lebzeiten unter ihm gelitten hat. Bocks Privatleben ist fĂĽr ihn kein erholsames Refugium, sondern eine Quelle ständiger Belastungen. Seine Frau hat ihn verlassen („a dozen times“), zu seinen Kindern hat er keinen Kontakt mehr – sein Sohn durchlebt gerade eine Phase als politischer Rebell, seine Tochter schlägt sich mit Drogen und Abtreibungen herum („the typical affluent American family“). Beide Kinder begehren als junge Erwachsene auf gegen die Wohlstandsgesellschaft, die ihren hedonistischen Anti-Konventionalismus erst ermöglicht. Bock schämt sich, der amerikanischen Gesellschaft solche, in seinen Augen nutzlose, Individuen geliefert zu haben. Als Vater habe er versagt, als Mediziner werde er nicht mehr gebraucht. Warum also weiterleben? Mit diesem pseudorationalen Fazit taucht er im BĂĽro des Krankenhauspsychologen auf; nur um sich gleich wieder auch fĂĽr diesen Schritt zu schämen und einen RĂĽckzieher zu machen.

Fluchtgedanken

Bocks verdunkeltes Gemüt hellt sich erst auf, als er der Tochter eines Koma-Patienten begegnet. Diese junge Frau, vielleicht so alt wie eines von Bocks Kindern, wird von der Engländerin Diana Rigg gespielt, die erst kurze Zeit zuvor mit ihrer Kultrolle der Emma Peel in „Mit Schirm, Charme und Melone“ in den Jahren 1965 bis 1968 eine unvergessliche TV-Figur geprägt hatte und damals in ihren frühen Dreißigern war (einem großen Publikum trat sie kürzlich als matriarchalische Olenna Tyrell in der Erfolgsserie „Game of Thrones“ wieder ins Bewusstsein). Erst als dem anachronistisch-eleganten John Steed die von Diana Rigg gespielte Figur an die Seite gestellt wurde, avancierte die Serie zur ersten britischen Serienproduktion, die sich in die USA verkaufte. Rigg war damals in den Vereinigten Staaten also kein unbekanntes Gesicht – zumal sie 1969 in „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ die Frau spielte, die James Bond heiratete. Hier gibt sie eine enigmatische, konsequent unbekümmerte Frau, die gerade versucht, die irritierten Krankenpflegerinnen zu überreden, den von ihr beorderten Schamanen am Krankenbett ihres Vaters zu dulden, damit der ein altes Apachen-Ritual durchführen kann. So tanzt dann bald ein halbnackter Mann mit seltsamen Beschwörungsformeln durch das Zimmer, während draußen ein Unwetter tobt.

Bock nimmt den Schamanentanz in seinem Krankenhaus gelassen, ihm ist inzwischen alles egal. So zieht er sich in sein Büro zurück und trinkt. Dort sucht ihn Riggs junge Frau, Barbara Drummond, auf und bedeutet ihm, der sich gerade eine tödliche Spritze setzen will, mit unbeeindruckter Miene, dass mittelalte Männer ihre bevorzugten Sexualpartner seien. Am nächsten Morgen macht sie ihm das Angebot, mit ihr nach Mexiko, irgendwo in die Berge, zu gehen. Das allerdings müsste sofort geschehen, denn sie will ihren kranken Vater dorthin bringen.

Ob Bock diesem exzentrischen Angebot nachgeben wird, ob er die Flucht aus der krankmachenden Zivilisation ergreift angesichts seiner privaten Katastrophen und ermüdet von den täglichen Querelen in den Kliniktrakten, ist nur eine Randfrage in diesem Film. Genauso übrigens wie eine Serie schnell aufeinander folgender Morde am Krankenhauspersonal, die den Handlungsstrang von „The Hospital“ bildet.

Tödliche Heilung

Was „The Hospital“ sehenswert macht, ist natĂĽrlich nicht diese Geschichte, die in anderen Filmen die Grundlage einer gruseligen Thrillerstory sein könnte. Stark ist vor allem der kritische Blick auf die Probleme der damaligen Zeit, den der Film en passant, jedenfalls erfreulich unaufdringlich schweifen lässt. Im Trubel des hektischen Krankenhausbetriebs werden Patienten „zu Tode vergessen“, sodass die unerträglich akribische Buchhalterin bei ihren Versuchen, die Krankenversicherungsnummern der Neuankömmlinge ordnungsgemäß fĂĽr die spätere Rechnungsstellung zu registrieren, im Warteraum bisweilen auf einen bereits in die Leichenstarre getretenen Körper trifft. Ăśberhaupt schildert der Film die Klinik als einen anonymen Massenbetrieb, der mit dem Andrang von Hilfesuchenden heillos ĂĽberfordert ist und fĂĽr manche zur Todesfalle wird.

Hier werden Ă„rzten, die nach dem Sex mit Mitarbeiterinnen im Krankenbett eingeschlafen sind, versehentlich tödliche Injektionen verabreicht, weil sie vom Aushilfspersonal nicht erkannt und mit kurz zuvor verstorbenen Patienten verwechselt werden. Hier tummeln sich die maladen Menschen im Wartesaal an der Rezeption, als ob gerade ein unvorhersehbarer Notstand ausgebrochen wäre. Das Krankenhaus, das hier porträtiert wird, gleicht mehr einer vormodernen Heilanstalt als einer fortschrittlichen Klinik. So entgegnet Chefarzt Bock dann auch einem seiner Oberärzte im Hinblick auf eine Frau, die ihren medizinisch hilfebedĂĽrftigen Vater wieder mitnehmen will: „Let him go â€¦ Before we kill him.“

Politisierter Protest

Und draußen, vor den Pforten des überfüllten Krankenhauses, demonstrieren junge Leute. Mit simplen Parolen fordern sie, ein freistehendes, jedoch baufälliges Gebäude, das sich im Besitz der Klinik befindet, als Wohnraum für die Gemeinschaft freizugeben. Innerhalb des Krankenhauses hat sich mit derselben Forderung ein „Doctor’s Liberation Commitee“ konstituiert, das die „kriminelle Vernachlässigung der Gemeinschaft“ anprangert. Das sind typische Phänomene jener Zeit, in der sich nicht nur in den USA die Gesellschaft allmählich liberalisierte und soziale Bewegungen mit dem Anspruch antraten, das Land demokratischer und freizügiger zu machen.

„The Hospital“ nimmt sich indes die Freiheit, eine zeitgenössische Kritik an diesen komplexen, weitreichenden Vorgängen zu äuĂźern. Hier, im Konflikt zwischen den Protestierenden und dem Klinikdirektor, der den Zusammenprall der neuen mit den alten Mentalitäten repräsentiert, manifestiert sich das ewige Spannungsverhältnis idealistischer Vorstellungen und bĂĽrokratischer Notwendigkeiten. Die Agitatoren des Protests fordern Gerechtigkeit und bahnen sich ihren Weg zum BĂĽro des Klinikdirektors. Der entnervte BĂĽrokrat wiederum ruft daraufhin seinen sozialrevolutionären Kontrahenten zu: „I quit! You run it. You pay the bills! You fight the city. You fight the state. You fight the unions. You fight the community.“

Die grundlegende Naivität, die den sozialen Protestbewegungen hier unterstellt wird, spitzt sich dann in den herrlich sarkastischen Reflexionen von Scotts Figur zu: Mit präzisem Zynismus seziert Bock die Schwächen und WidersprĂĽche des politischen Aktivismus seiner Zeit; auf die selbstgestellte Frage, wo sein Sohn – „a shaggy-haired Maoist“ – sei, antwortet er: „Presumably, building bombs in basements as an expression of universal brotherhood.“ Allein fĂĽr diesen Sarkasmus lohnt sich „The Hospital“.