Filmtipp

The Killers (1946)

Szene aus ‚The Killers (1946)‘

Kurzbeschreibung des Films: Robert Siodmak drehte damals mit einem No-Name-Cast: Ein talentierter Boxer scheitert, gerät an die falsche Frau, wird zum Kriminellen. Der erstaunlich moderne Film machte Ava Gardner zum Star und war der Beginn von Burt Lancasters Karriere.

Am Ende verwendete man Ernest Hemingways Namen eigentlich nur noch als prominentes Aushängeschild. Denn viel war von der Originalerzählung des Literaturgiganten aus den 1920er Jahren nicht mehr übrig geblieben. Hemingways Kurzgeschichte handelt von zwei Auftragskillern, die nach Illinois in ein Kaff unweit von Chicago kommen, um „für einen Freund“ einen Ex-Boxer umzulegen, der dort untergetaucht ist. Es waren die bleihaltigen Zwanziger im Mafia-Chicago Al Capones, die Hemingway zu dieser kleinen Erzählung inspiriert haben dürften. Für einen Film in Kinolänge genügte der Stoff freilich nicht. Aber weil aus Hemingway nicht mehr herauszubekommen war und er überdies wenig Lust zeigte, an der Leinwandadaption mitzuwirken, schrieb John Huston das Skript in freien Nachmittagsstunden um; da er bei einem anderen Studio unter Vertrag stand, tauchte sein Name später nirgends auf, obwohl letztlich Huston der eigentliche Drehbuchautor dieses inzwischen zum edlen Klassiker gereiften Werkes ist.

Kitty Collins (gespielt von Ava Gardner) und Ole „Swede“ Anderson (gespielt von Burt Lancaster) stehen nebeneinander, zwischen ihnen leuchtet eine Tischlampe
Bildquelle: Universal

The Killers“ war damals, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, Vorbote des New-Hollywood-Kinos der späten 1960er und der 1970er Jahre; der Film startete Burt Lancasters Karriere – eine der größten Hollywood-Karrieren überhaupt – und machte Ava Gardner zum Superstar. Don Siegel (u. a. „Dirty Harry“, 1971) sollte ursprünglich Regie führen; später drehte er dann das Remake (1964). Ihn ersetzte der Exil-Deutsche Robert Siodmak, der an seinem Regiestuhl einen Hinweis zur korrekten Aussprache seines Namens anbringen ließ („See-odd-mack“). Man kann heute nur dankbar sein, dass Siegel damals den Film nicht machte, aber offenbar so viel Drang nach einer eigenen Interpretation verspürte, dass dadurch zwei jeweils für sich großartige „The Killers“-Adaptionen existieren. Während Siodmaks Version ganz im Noir-Stil gehalten ist, wirkt Siegels Werk wie ein Tarantino-Streifen der Sechziger: Die Gangster – gespielt von Lee Marvin und Clu Gulager – führen Allerweltsgespräche, üben ihren todbringenden, ganz und gar illegalen Job wie jeden anderen aus und schleichen unfassbar cool mit schallgedämpften Pistolen, Sonnenbrillen und in Anzügen durch die Szenen.

Die Storys beider Filme variieren leicht, ähneln sich aber im Kern – wobei die 1946er-Variante näher an Hemingways Vorlage bleibt. Darin betreten zwei Gangster ein Diner und erkundigen sich nach einem Mann, dem „Swede“ (weil er schwedischer Herkunft ist), einem früheren Boxer, der hier, irgendwo in New Jersey, als Tankwart untergetaucht ist. Gleich diese Anfangssequenz entwickelt eine ultimative Noir-Atmosphäre: der fast menschenleere Diner, die versteckte, dennoch offenkundige Bedrohlichkeit der beiden Gäste, die Unklarheit des Publikums, um was es überhaupt geht, auf welchen Kurven das Schicksal diese beiden Kerle hierhin verschlagen hat und wieso sie den „Swede“ umbringen wollen. Im ganzen Raum, der ja eigentlich gedacht ist als komfortables Refugium im stressigen Alltag, in dieser Szene, liegen – ganz latent – das große Enigma und die gefährliche Stille des Ungewissen, potenzielle Gewalt.

Edmond O’Brien als Jim Reardon, der jemanden in einem Zimmer mit einer Pistole bedroht
Bildquelle: Universal

Die Auftragsmörder töten den Swede in dessen Appartement. Obwohl zuvor von ihrer nahenden Ankunft gewarnt, unternimmt dieser Mann jedoch nichts: keine Flucht, keine Gegenwehr, gar nichts. In beiden Filmen – und da gehen sie über Hemingways Kurzgeschichte hinaus – dreht sich anschließend alles um die Beweggründe des Todgeweihten: Warum er die Kugeln seiner Killer abwartet, weshalb er also buchstäblich sehenden Auges in den Tod geht. In der 1964er-Variante, deren Drehbuch der spätere „Star Trek“-Produzent Gene L. Coon geschrieben hatte, sind es die Gangster selbst, die dem Faszinosum des Mannes, der seinen eigenen Mord abwartet, nachgehen. Im 1946er „Original“ tut dies dagegen ein beflissener Versicherungsangestellter (Edmond O’Brien), der unbedingt die Wahrheit hinter dem kuriosen Fall herausfinden will.

Dieser Versicherungsdetektiv, Jim Reardon, deckt mit seiner Unnachgiebigkeit am Ende alles auf – begleitet von viel Düsternis. Denn die meisten Menschen, die er befragt, sterben entweder kurz darauf oder sind bedauerliche Existenzen. Reardon erfährt von der Gangster-Bande, welcher der Schwede einst angehörte und der ein großer Coup gelingt, woraufhin sie sich anschließend in gegenseitiger Niedertracht selbst kannibalisiert, statt mit dem ergaunerten Geld friedlich getrennte Wege zu gehen. Überhaupt liegt in Hustons Story ein unfassbarer Zynismus: Nicht, nur dass am Ende nahezu alle aus der Räuberbande tot sind – niemand kommt kommt –; auch der Versicherungsagent, der mit seiner hartnäckigen Recherche den Fall überhaupt erst aufklärt, muss am Ende von seinem Chef erfahren, dass der finanzielle Effekt für das Versicherungsunternehmen darin besteht, dass die Beiträge um den Bruchteil eines Cents sinken – ein ganz und gar vergeblicher Akt, der eine Handvoll Menschenleben gekostet hat.

Kitty Collins (gespielt von Ava Gardner) und Jim Reardon (gespielt von Edmond O’Brien) unterhalten sich bei Kerzenschein in einem Restaurant
Bildquelle: Universal

Doch ganz unabhängig von seiner originellen Handlung, die nach dem Mord am Schweden, und also über Hemingways Kurzgeschichte hinaus, ein kunstvolles Mosaik aus zahlreichen Flashbacks ist, ist „The Killers“ schlicht ein Film, von dessen Aura man sich gerne vereinnahmen lässt. Allein schon die Besetzung: Ava Gardner und Burt Lancaster – heute hört sich das nach einer klassischen Star-Besetzung an, mit der ein Studio ordentlich Kasse machen will; aber damals war das ein No-Name-Cast, ein Wagnis, aus Sicht von Hollywood-Produzenten geradewegs verrückt. Gardner hatte bis dahin immer nur kleine Rollen gespielt; und für Burt Lancaster war „The Killers“ überhaupt sein allererstes Engagement.

Und dann die Kamera, von Woody Bredell dirigiert, die nicht einfach nur das Schauspiel einfängt, sondern ein eigenes Optikklima erschafft. Da ist der letzte Boxkampf des Schweden, der wie die von Marlon Brando gespielte Figur in „On the Waterfront“ (1954) mit seinem Talent an der Schwelle zu einer verheißungsvollen Karriere stand, aber dann unterging. Wir sehen Lancasters schmerzverzerrtes Gesicht, als er die Hiebe seines Kontrahenten kassiert, ehe er zu Boden geht – die Kamera ist in diesem Moment mitten im Ring, Lancaster liegt bewusstlos auf dem Rücken, die Arme nach hinten geworfen, und durch die Seile sieht man die Voyeursgesichter des Publikums, über dem sporadische Wolken von Zigarettenqualm schweben, als Ausdruck ihrer kurzweiligen Anteilnahme, während dort, im Ring, das ganze Leben eines Menschen zu Bruch geht. Später dann im Gefängnis, in das der Schwede geraten ist, legen sich die Schattenwürfe der Gitterstäbe über die beiden blassen Häftlinge, die sich in ihrer irdischen Isolation der Zelle an fernen Sternbildern ergötzen.

Ava Gardner als Kitty Collins mit Hut
Bildquelle: Universal

Und natürlich die Party in „Big Jim“ Colfax’ Appartement, der Wohnung eines inhaftierten Gangsters, mit dem sich der Schwede später einlassen wird: „Swede“ kommt in Begleitung einer Frau; aber als er Kitty Collins (Ava Gardner) erblickt, ist es um ihn geschehen. In einer besonderen Einstellung spannt sich zwischen den drei Partygästen eine Blickkurve: Die links liegen gelassene Frau sitzt auf der Kante eines Sofas und blickt in ahnungsvoller Sorge hinauf zu „Swede“, der neben ihr vor dem Sofa steht; seine Augen richten sich währenddessen schräg auf die einen Meter entfernt, im Vordergrund am Klavier lehnende Kitty; sie wiederum blickt scheinbar gedankenverloren schräg nach unten – aber natürlich spürt sie die Blicke des Schweden, dem sie nur vermeintlich zufällig ihre nackte Schulter präsentiert. Das ist ein Ava-Gardner-Moment, in dem selbst einer wie Burt Lancaster einfach verblasst. Seine Blicke verkünden aufrichtige, innige Liebe, aus ihren spricht die berechnende Distanz einer Manipulantin. Jeder weiß, dass diese Frau ihm Unheil bedeuten wird – aber der Schwede geht für sie kurz darauf in den Knast (als sie wegen eines gestohlenen Schmuckstücks verhaftet werden soll und er in seiner Liebesverblendung die Schuld auf sich nimmt).

der Schwede (gespielt von Burt Lancaster) mit einer Freundin (gespielt von Virginia Christine) auf einer Party; er betrachtet Kitty Collins (gespielt von Ava Gardner), die elegant im Vordergrund steht
Bildquelle: Universal

Inbesondere das Spiel mit Licht- und Schatten steht hinter der zeitlosen Wirkung von „The Killers“. Als sich der Schwede später mit Colfax (Albert Dekker) anlegt, ist eine Gesichtshälfte in Schwarz getaucht – so wie er nun vom unschuldigen Box-Youngster zum gewöhnlichen Verbrecher geworden ist, obwohl in ihm noch immer ein anständiger Kerl schlummert. Und schließlich der Kern des Schweden-Komplexes: Der Überfall auf die Lohnkasse einer Fabrik wird in einer einzigen, durchgängigen Kamerafahrt per Kran gezeigt. Die Gauner betreten zusammen mit den echten Arbeitern inkognito das Werksgelände, setzen sich dann unbemerkt in das Auszahlungsgebäude ab, wo sie die Werkskasse plündern (die Kamera fährt von außen in die zweite Etage hinauf), eilen dann wieder hinab (und mit ihnen die Kamera), um im Schutz eines herausfahrenden Lieferwagens das Gelände wieder zu verlassen und in die auf dem Außenparkplatz bereitstehenden Limousinen zu springen, mit denen sie dann in zwei Himmelsrichtungen davonbrausen – noch heute ein toller Shot.

der Schwede (gespielt von Burt Lancaster) und ein Mitansasse (gespielt von Vince Barnett) in ihrer Gefängniszelle, deren Gitterstäbe sich durch das Mondlicht an ihnen abzeichnen
Bildquelle: Universal

Obwohl über siebzig Jahre alt, ist „The Killers“ ein ganz und gar zeitloser Film, bei dem das Schwarz-Weiß nicht abgedroschen und technisch inferior wirkt, sondern überhaupt erst eine feine Eleganz verleiht. So wie auch seine Motive zeitlos sind: zerstörte Karrieren, verflogene Träume, Opfer der Liebe und verderbliche Gier.