Filmtipp

Will Penny (1967)

Szene aus ‚Will Penny (1967)‘

Entgegen romantisierenden und klischeebeladenen Hollywood-Darstellungen vermittelt der Film ein Gefühl dafür, wie der „Wilde Westen“ wirklich gewesen ist: eine raue Gesellschaft, in der brutaler Egoismus eine legitime Überlebensstrategie ist. Charlton Heston in seiner vielleicht besten Rolle.

Nein, eigentlich ist das doch ein alter Hut. Die Feststellung, im „Wilden Westen“ habe es gar keine John-Wayne-Typen gegeben – also hartgesottene Männer, die fest entschlossen ihren Weg gehen, mit Leichtigkeit auf ihren Pferden durch die Prärie preschen und ebenso souverän den Revolver schwingen –, dass dies eine zum Klischee geronnene, teils romantisierte Darstellung ist, wird heute wohl niemanden mehr überraschen. Diese Filme haben sich gewiss ihren ganz eigenen Charme bewahrt; aber dass die darin gezeigten Figuren oftmals in ihrer maskulinen Heroik überzeichnet sind und die eindeutige Polarisierung zwischen Gut und Böse zumeist wenig mit der vielschichtigen Wirklichkeit zu tun hat, dürfte hinlänglich bekannt sein. Und doch beeindruckt dieser Film – „Will Penny“ –, der ein ganz anderes Bild von den Menschen dieser Zeit zeichnet, noch immer.

Zumal: Als er 1967 in die Kinos kam, war er geradezu unverschämt originell. Robert Altmans großartiger Anti-Western „McCabe & Mrs. Miller“ folgte erst vier Jahre später; und auch „Comes a Horseman“, der akribisch die Härte des Ranch-Lebens beschrieb, wurde ein ganzes Jahrzehnt später gedreht. Will Penny (Charlton Heston): Das ist ein Mann Ende vierzig – in seinen besten Jahren, würde man heute sagen. Aber zu jener Zeit, als sich die amerikanische Gesellschaft noch im Aufbau befand, aus kleinen Siedlungen gigantische Städte erwuchsen, da war so jemand alt, verbraucht und hatte nicht mehr allzu viel vom Leben zu erwarten.

Penny gehört zu den „echten“ Cowboys, den Kuhtreibern, die sich ihr Leben lang mit gefährlichen Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Er kann nicht lesen, hat keine Familie und führt ein Nomadendasein. Rastlos zieht er von Auftraggeber zu Auftraggeber; durch harte Lektionen hat er gelernt, sich in einer feindseligen Gesellschaft ohne jegliches soziales Netz zu behaupten. Und dennoch hat er sich seine Menschlichkeit bewahrt. So will er eigentlich am Ende der Saison das Vieh während des anstehenden Eisenbahntransports nach Kansas City begleiten – eine Beschäftigung für den Winter, ein paar Dollar mehr. Doch er gibt sie ab, weil ein anderer dadurch ein letztes Mal seinen sterbenden Vater besuchen kann. Nicht nur verzichtet Penny auf den lukrativen Job; auch nimmt er statt der dafür gebotenen zwanzig bloß zehn Dollar an. Gemeinsam mit zwei Kumpanen bricht er stattdessen in Richtung Berge auf, um eine andere Winterbeschäftigung zu finden.

Die Anfangssequenz des Films veranschaulicht die soziale Natur dieses rastlosen Lebens. Obwohl sie eine lange Zeit, mehrere Monate vermutlich, in freier Natur zusammengelebt und -gearbeitet haben, trennen sich die Männer binnen weniger Minuten. „So long, boys!“ – mit dieser Lakonie setzen sich die Viehtreiber auf ihren Pferdewagen in Bewegung, in unterschiedliche Richtungen fahren sie davon. Vielleicht sieht man sich im Frühjahr wieder, vielleicht auch nicht.

Die Reiter der Postapokalypse

Jenseits der Zugstrecken gibt es keinerlei Infrastruktur. Mit seinen beiden Kollegen Blue (Lee Majors, der später als „Der sechs Millionen Dollar Mann“ und „Ein Colt für alle Fälle“ zum TV-Helden der 1970er und 1980er Jahre avancierte) und Dutchy (Anthony Zerbe, der hier nicht auf Niederländisch, sondern auf Deutsch flucht und sein Filmdebüt gibt) nächtigt Penny inmitten der kargen Landschaft. Als sie am Morgen einen weidenden Elch erlegen wollen, geraten sie in Konflikt mit einer Gruppe von Rawhiders. Deren Anführer stellt sich als „Preacher“ Quint vor; er ist der Kopf einer Familie von raubeinigen Typen, die mit einem Planwagen vagabundieren und Reisende belästigen, vermutlich sogar töten. „Come on Papa. Kill ’em. Let’s get on with it.“, raunt ihm einer seiner Söhne zu, während er vorgibt, mit Blue und Dutchy eine faire Verhandlung um den Elch-Kadaver zu führen.

Diese Szene hat weniger von einer sich formierenden Gesellschaft der westlichen Zivilisation, gar einer, die sich später ihrem Selbstverständnis nach zum Behüter der Demokratie aufschwingt, als von einem postapokalyptischen Überlebensszenario. Aber weil es hier kaum staatlich organisierte Institutionen, keinerlei soziale Sicherung gibt, geht es ja tatsächlich auch um das nackte Überleben in den Weiten der Neuen Welt. Lediglich getrennt durch einen schmalen, flachen Fluss, liefern sich die beiden Parteien – die unheimliche Quint-Familie und die Cowboys – schließlich ein Feuergefecht, bei dem Penny einen seiner Widersacher (Matt Clark) erschießt.

Die Kamera füllt das Bild mit dem Gesicht des Mannes, der gerade einen seiner drei Söhne verloren hat: ein durchdringender Blick wie ein Laserstrahl, eine stechend vibrierende Stimme, in der sich sein nur mühsam unterdrückter Zorn verbirgt, der jederzeit mit tödlicher Gewalt hervorbrechen kann. Der Mann, der sich als Prediger bezeichnet und sein brutales Handeln mit Bibelzitaten legitimiert, erhebt seine Arme und ruft: „Beware the wrath of the Lord!“, während seine zwei verbliebenen Söhne die Leiche mit einem Fell bedecken. „He strikes down them that have blood on their hands. He punisheth the sinner. Life for life. Eye for eye.“ Eine baldige Wiederbegegnung scheint unausweichlich.

Diese Leute verkörpern die ultimative Gefahr eines Lebens in den kaum ermesslichen Weiten Nordamerikas. Will Penny wird später wieder auf sie treffen. Donald Pleasence spielt den „Preacher“ und liefert, wie so oft in seinen Rollen, eine imposante Vorstellung ab: Gekonnt schreit er, der Brite, im bedrohlichen Südstaaten-Singsang Bibelzitate, die seiner Rage entspringen. Als er Will Penny später gefangen nimmt, soll seine Rache für den verlorenen Sohn nicht im sofortigen Tod des vermeintlichen Mörders bestehen, sondern in einer langsamen Agonie, die erst nach einer ausgiebigen Zeit des Leidens im Exitus enden soll. Er redet hektisch, tanzt wie ein Derwisch und wirkt durch seine ganze Mimik und Gestik nicht nur gefährlich, sondern unberechenbar. Im gleichen Jahr flackerte Pleasence in „Man lebt nur zweimal“ (1967) auch als stilprägender James-Bond-Antagonist Blofeld über die Kinoleinwände – eine Rolle, in der er als den Weltfrieden bedrohender Superkrimineller bei Weitem nicht so furchteinflößend wirkt wie in „Will Penny“.

Die Sehnsucht nach Wärme in der sozialen Kälte

Der Film zeigt v.a., wie gefühlskalt und anti-familiär diese Gesellschaft auf der einen Seite ist, welch intime Beziehungen gleichzeitig auf der anderen Seite dadurch entstehen können – etwa die zwischen Blue und Dutchy, die sich unverbrüchlich in gegenseitiger Hilfe verbunden sind und einander nicht alleine lassen. Auffällig ist auch die Abwesenheit jeglicher staatlicher Aufsicht: Die Instanzen, die das Zusammenleben regulieren, sind persönlichkeitsstarke Privatpersonen wie der Rancher Alex (Ben Johnson); als dessen Angestellte den Neuankömmling Will Penny in eine Schlägerei verwickeln wollen, schreitet er ein und pocht auf die von ihm aufgestellten Regeln, die auf der Flat Iron Ranch herrschen. Zwischen dem Außenseiter Penny und dem aggressiven Gewaltpotenzial seiner Kollegen steht hier nichts außer der persönlichen Autorität des Ranch-Leiters. Und so ähnlich ist es ja auch schon zu Beginn des Films, als Penny in Notwehr ein Mitglied der Quint-Familie erschießt, die wiederum den Leichnam mitnimmt, Rache schwört und erst einmal abzieht – niemand sonst ist in diese Auseinandersetzung involviert, niemand wird Fragen stellen oder einschreiten.

Es ist eine Welt der Kälte: klimatisch wie sozial. Wo auch immer sich Will Penny gerade aufhält, erstreckt sich stets eine unwirtliche Gegend, ohne sichtbare Grenzen, insofern ohne Hoffnung. Zu Beginn des Films ist es die Prärie, karg und kahl; sporadisch stoßen Reisende dort auf eine räudige Blockhütte oder eine winzige „Stadt“, in der eine Prostituierte zu den wichtigsten Einrichtungen gehört. Die Landschaft trägt enorm zur stimmungsvollen Aura des Films bei: Gedreht wurde im Osten Kaliforniens, im Inyo County am Fuße der Sierra Nevada mit ihren charakteristischen Bergwäldern.

Als Penny und Blue ihren Kumpanen Dutchy, der sich bei der morgendlichen Schießerei versehentlich selbst einen Bauchschuss zugefügt hat, verarzten lassen wollen, sind sie noch anderthalb Tagesmärsche vom nächsten Laienmediziner entfernt: „If you’re bad enough to see a doctor, time you get there it’s too late anyway“, sagt ihnen ein Farmer, von dem sie die Wegbeschreibung erhalten. „Belly-shot out here? He’s a dead man for certain.“ Diese Meinung vertritt der dickleibige Schweinezüchter mit der gleichen Nonchalance, wie man über das Wetter spricht.

Clifton James spielt diesen Mann, der Anteilnahme nicht einmal heuchelt und aus dem Debakel seiner Gäste ein Geschäft machen will: So überredet er die beiden Unversehrten erst einmal zu ein paar Drinks und gibt zu erkennen, dass er fünf bis sechs Dollar für die Büffelfelljacke des vermeintlich Todgeweihten zahlen würde. Eine skurrile Szene: Während sich der verblutende Dutchy draußen auf der Wagenpritsche in Schmerzen windet, trinken Penny und Blue im Innern der Hütte, die mehr Stall als Wohnraum ist, eine Flasche Whisky aus; auch Dutchy, dem Mann mit dem Bauchschuss, verabreichen sie etwas von dem buchstäblichen Feuerwasser.

Während Blue bei seinem Kumpel Dutchy bleibt, der von einem Arzt behandelt wird, der zugleich eine Poststelle betreibt und als Barbier arbeitet, bricht Penny in Richtung der Berge auf. Dort findet er auf der besagten Flat Iron Ranch einen Job: In einer abgelegenen Blockhütte soll er Winterquartier beziehen und das weitläufige Areal von Fremden freihalten. Dort angekommen, trifft er allerdings auf eine Frau (Joan Hackett) und deren Sohn (Jon Gries, der Sohn von Regisseur Tom Gries), die dort eingezogen sind. Anders als irgendwer sonst gehandelt hätte, lässt Penny sie bleiben.

Ungewöhnlicher Blick auf das Gewöhnliche

Der Film bezieht seine Faszination aus dem Gewöhnlichen. Denn gewöhnlich sind die Leute, die hier gezeigt werden: Kuhtreiber, Farmer, kleine Dienstleister. Aber gerade diese Gewöhnlichkeit richtet eine ungewöhnliche Perspektive auf den alten Westen, eines der klassischen Motive von Hollywood-Produktionen. Sieht man einmal von „Preacher“ Quint ab, so zeigt „Will Penny“ durchweg einfache Leute, die ein belangloses Alltagsleben führen und lediglich aus heutiger Sicht interessant wirken, weil sie mehr überleben als leben. Details sorgen für einen spürbaren Realismus: Schusswechsel in Unterwäsche, miserable Hygieneroutinen, eigenhändiges Sockenstopfen, Rülpser nach dem Konsum hochkonzentrierten Alkohols – all das, neben der Verwendung originaler Antiquitäten als Requisiten, verleiht dem Film eine besondere Aura, die einem noch lange im Gedächtnis bleibt.

Glanzstück des Films ist aber sein Hauptdarsteller: Wie Charlton Heston (1923–2008) den betagten Cowboy darstellt, ist anrührend und zeigt die schauspielerische Brillanz dieses einstmals größten der großen Hollywood-Mimen, des Königs Monumentalstreifen. An seinem Protagonisten zeigen sich die Bedingungen, unter denen damals zahllose Menschen sozialisiert worden sind und die ihren Alltag bestimmten. Neugierig bestaunt er die Liebe, welche die Mutter ihrem Sohn zuteilwerden lässt – denn ihm selbst ist dergleichen nie widerfahren. Freude und Erleichterung über eine völlig neue Lebenserfahrung überkommen ihn, als die Frau mit ihm ein simples Lied singt – denn solch musischen Zeitvertreib im intimen Kreis zweier Menschen hat er nie kennengelernt. Und als ein Weihnachtsbaum erst gefällt, dann geschmückt und dabei der Raum von besinnlicher Stimmung erfüllt wird, da kommen diesem Haudegen, der in seinem Leben etliche Menschen erschossen und sich in einer meist rücksichtslosen Gesellschaft durchgeschlagen hat, die Tränen. Völlig unvorbereitet wird er konfrontiert mit den emotionalen Bräuchen des Weihnachtsfestes, lässt sich sogar breitschlagen, „Deck the Halls“ zu singen – bei dem er sich dann ein peinlich berührtes „Fa la la la la, la la la la“ entlocken lässt.

Fassungslos ist er, als ihm aufgetragen wird sich zu baden – wo er doch gerade erst eine Woche zuvor ein, noch dazu sehr heißes, Bad genommen hat. Schließlich beläuft sich die Anzahl seiner Badevorgänge normalerweise auf acht bis neun – pro Jahr. Und wo schon deren Träger sich so selten reinigt, werden natürlich auch die Kleidungsstücke nicht viel öfter gewaschen. Die Hygiene eines Kuhtreibers im Wilden Westen des 19. Jahrhunderts lässt sich eben nicht mit heutigen Maßstäben messen. Tagsüber wird geritten, nachts geschlafen, morgens aufgestanden und gefrühstückt. Für Toilettengänge bleibt dabei, allein schon in Ermangelung sanitärer Anlagen, keine Zeit. Und wenn die ganze Gruppe so lebt, dann ist das wie in den Straßen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit: Der Geruch von Exkrementen, dreckiger Haut und schmutziger Kleidung, wird, als Bestandteil der Normalität, einfach nicht mehr wahrgenommen.

Verpackt in eine – erfrischend unpathetisch dargebotene – Liebesgeschichte werden auch die Erwägungen angesprochen, die Partnerschaften seinerzeit zugrunde lagen. Die Mutter ist zwar verheiratet, faktisch aber alleinerziehend, denn ihr Mann lebt in St. Louis – eine Zweckehe: „He’d never notice if we never showed up. Except for the work.“ Als sie Will Penny vorschlägt, gemeinsam eine Farm aufzubauen, entgegnet der in klarem Realismus, dass ein solches Unterfangen Jahre dauern würde: „I don’t have them years no more.“ Und bräche er sich dann einen Fuß oder würde erkranken: „Then we’re starvin’. How’s love gonna stand up to that? […] I ain’t a good gamble for you.“

„Will Penny“ ist vielleicht deswegen so beeindruckend, weil er nüchtern die Schattenseiten von Individualität, Mobilität, Flexibilität – den soziologischen Signaturen unserer Zeit – schildert. Charlton Heston, Hollywoods Mega-Star der Sechziger und Siebziger, liefert hier zudem seine vielleicht brillanteste Schauspielleistung ab – die sensiblen Nuancen, die er dem Gesichtsausdruck seines Charakters leiht, offenbaren ein schauspielerisches Spektrum, das man von Heston nicht gewohnt ist. Und was für ein Ende, als die Kamera die karge Winterlandschaft einfängt und mit elegischer Stimme Don Cherry „The Lonely Rider“ zu singen beginnt.