Serientipp

Babylon (2014)

Szene aus ‚Babylon (2014)‘

Kurzbeschreibung des Films: Mit dieser Miniserie kehrt „Trainspotting“-Regisseur Danny Boyle ins (britische) Fernsehen zurück. Gezeigt wird der Alltag der Londoner Polizei aus unterschiedlichen Perspektiven. Während die Bodentruppen für kleine und große Skandale sorgen, will die neue PR-Chefin eine „360-Grad-Transparenz“ durchsetzen und das angeschlagene Image der Traditionsinstitution mithilfe einer modernen Social-Media-Kommunikation retten.

Liz Garvey (Brit Marling) ist der Star einer TED-Konferenz. Ihr erfolgreicher Auftritt katapultiert sie nach ganz oben, mit einem hochdotierten Vertrag landet die Amerikanerin bei der Londoner Polizei. Deren Chef, Richard Miller (James Nesbitt), hat die junge Frau kurzerhand an sämtlichen internen Aufstiegskanälen vorbei als Pressesprecherin rekrutiert. Und wie so oft bei Seiteneinsteigern sorgt das gleich für ordentlich Verdruss – bei denjenigen, die übergangen wurden, v.a. ist das der zweite Pressechef Finn (Bertie Carvel). Der mobilisiert im weiteren Verlauf der Serie seine zahllosen Kontakte im Londoner Politik- und Mediendschungel bei dem Versuch, Garvey auszubooten und baldmöglichst an ihre Stelle zu treten.

Garvey ist Produkt und Verfechterin einer neuen Informationskultur, wie sie für das gegenwärtige Internetzeitalter schon beinahe klischeehaft geworden ist: einer Philosophie, die Transparenz – die ehrliche Offenheit – zum Prinzip erklärt. Die meisten im Umfeld des Polizeipräsidenten Miller trauen sich nicht, dem Chef mit der versteinerten Mimik zu widersprechen; aber niemand will so richtig verstehen, was es mit diesem Social-Media- und Transparenz-Zeugs auf sich hat. Garvey, dieses Geschöpf der modernen Medienkommunikation, soll nun das ramponierte Image der Londoner Polizei aufpolieren.

Garvey steht damit vor einer der berüchtigten Herkulesaufgaben. Denn natürlich hat in der Schlangengrube von Politik und Polizei niemand vor, den ehrlichen Umgang mit der Bevölkerung zur Priorität zu erheben; dem stehen viel zu viele Eigeninteressen und Deals im Wege. Und obendrein ist der Metropolitan Police Service permanent in kleine und große Skandale verwickelt. Ihre PR-Abteilung muss blitzschnell auf die fiebrige Nachrichtenbranche reagieren und die Meldungen in den Social Media beobachten. Da erschießt ein Polizist einer schwerbewaffneten Einheit einen Jugendlichen, weil der – angeblich – mit einer Waffe herumfuchtelte; unglücklich nur, dass der Todesschütze kurz zuvor in einem Wutanfall vor laufender Kamera des staatlichen Überwachungssystems eine Mülltonne kurz und klein trat und damit Zweifel an seinem mentalen Zustand aufkommen lässt. Polizeichef Miller hat pikante Frauenaffären, die öffentlich zu werden drohen, sein Stellvertreter (Paterson Joseph) steht unversehens als Ladendieb da, nachdem er versehentlich ein Shampoo an der Kasse vorbeischleuste (obwohl er keine Haare trägt). Dann wieder muss schnell entschieden werden, ob der Betreiber eines Twitter-Accounts als der Amokschütze bestätigt werden soll, nach dem die Hauptstadtpolizei gerade fahndet.

Jedes Mal ist die Chefetage der Polizei mit den unkontrollierbaren Newsfeeds der Social-Media-Kanäle konfrontiert; und jedes Mal ist sie damit überfordert – weil außer Liz Garvey kaum jemand begreift, wie diese Nachrichtenflüsse funktionieren und welche Bedeutung sie mittlerweile erlangt haben. Die klassische Pressekonferenz hat ausgedient, jede vermeintlich aktuelle Statusmeldung kann Sekunden später bereits veraltet sein. Während etwa die Vizepolizeipräsidentin (Nicola Walker) am Podium steht, hat ihr Publikum über die Smartphones schon längst einen ganz anderen Informationsstand, jederzeit droht die ganz große Kommunikationskatastrophe. Stück um Stück muss Garvey sich eingestehen, dass ihre anfänglichen Kommunikationsideale in der rauen Wirklichkeit des Londoner Hauptstadtmedienbetriebs nicht umstandslos verwirklicht werden können und immer wieder von erzwungenen Kompromissen aufgeweicht werden. Miller bringt dieses Dilemma in einem Dialog mit Garvey auf den Punkt: „I need your big ideas, that’s the key, but I also need a little elbow room.“ Das ambitionierte Vorhaben der PR-Visionärin, die öffentliche Kommunikation der „Met“ umfassend zu modernisieren, gerät so endlosen zur Strapaze.

„Babylon“ spielt sich aber nicht nur in den verglasten Bürotrakten des Polizeihauptquartiers ab. Immer wieder wechselt die Perspektive und aus der Administration geht es zu den Bodentruppen. Dort ist zum einen die mit Maschinenpistolen bewaffnete Spezialeinheit, eine verschworene Truppe, die von der Spannung zwischen ihren komplizierten Einsätzen und dem damit verbundenen Risiko verhängnisvoller Fehlentscheidungen und der allgegenwärtigen Öffentlichkeit zerrieben wird. Zum anderen sind es Streifenpolizisten, die Demonstrationsmärsche begleiten, bei Bombendrohung das gefährdete Areal abriegeln oder die gewalttätigen Riots eindämmen sollen. Davina (Jill Halfpenny) hat eine Affäre mit ihrem Streifen-Kollegen Clarkey (Cavan Clerkin) und will mit ihm zusammenziehen – ihr Lebenspartner Banjo (Andrew Brooke), der ebenfalls bei der „Met“ ist, weiß davon aber noch nichts. Robbie (Adam Deacon, der eigentlich auf die Rolle des Kleinkriminellen festgelegt ist) ist Anwärter auf die Mitgliedschaft in der Einheit, die mit Maschinenpistolen patrouillieren darf, aber aufgrund seines aggressiven Temperaments wirkt er auf den Kameramann, der ihn für ein TV-Projekt filmt, wie eine tickende Zeitbombe. Robbie ist es auch, der seinem homosexuellen Vorgesetzten Tony (Stuart Martin) ausgerechnet dadurch Sympathie entgegenbringen will, indem er ihm im Pub von der Theke eine Weinschorle statt wie für die anderen ein Pint mitbringt.

„Babylon“ wird als die sensationelle Rückkehr des britischen Regisseurs Danny Boyle, der in den Neunzigern u.a. den Kultfilm „Trainspotting“ (1996) drehte, ins Fernsehen gefeiert. Boyle hatte die Idee zur Serie und setzte sich für den Pilotfilm auf den Regiestuhl. Hinter der Serie steht allerdings nicht allein der berühmte Name Danny Boyle. Am „Babylon“-Skript hat vor allem Jesse Armstrong mitgeschrieben, der bereits die zynische Brit-Politsatire „The Thick of it“ (2005–12) prägte. So ist dann auch in manchen Szenen mit Polizeichef Miller der genial cholerische Regierungsmanager Malcolm Tucker herauszuhören: „You want me to speak up?“, fragt einer von Millers Untergebenen; der antwortet: „I don’t want you to speak at all. I don’t even want you to be here. I want you to collapse your spine like a squid and disappear through a fucking crack in the window.“ Neben Armstrong ist auch Sam Bain beteiligt – gemeinsam haben die beiden etliche der jüngsten Hits des britischen Fernsehens verantwortet (u.a. „Peep Show“, „The Old Guys“); auf der Insel gilt das Duo längst als die „Kings of Comedy“.

Das Besondere von „Babylon“ liegt in der zweischneidigen Darstellung, die mal witzig, mal traurig ist. Da ergeben sich manchmal wunderbar absurde Situationen, auf die anschließend Szenen mit einer tiefen Dramatik folgen. Die Kameraführung verleiht dem Ganzen den Charakter einer TV-Dokumentation – und das mit dem unvergleichlichen Charme der britischen Akteure. Dieser Wechsel zwischen Komik und Tragik, mit einer Note „very british“, macht die Folgen unberechenbar und führt zu dem großartigen Effekt, für den wir Serien so lieben: Man will immer gleich die nächste Folge anklicken.