Serientipp

The Game (2014)

Szene aus ‚The Game (2014)‘

Kurzbeschreibung des Films: Eine britische Miniserie versucht, die bedrückende Atmosphäre einer Phase des Kalten Kriegs einzufangen, in der die Welt am Rande eines Atomkriegs stand. Sie zeigt uns eine unsichtbare Parallelwelt, deren einsame Helden abseits der Öffentlichkeit agieren und von deren improvisiertem Handeln manchmal das Schicksal ganzer Nationen abhängt.

Gleich zu Beginn geht es brutal zu. Dabei handelt es sich um eine Art Urszene der britischen Miniserie „The Game“, auf welche die sechs Episoden immer wieder zurückkommen werden. Mit diesem Ereignis hat Joe Lambe (Tom Hughes) einen Erzgegner (Yevgeni Sitokhin) gefunden, einen sowjetischen Geheimagenten, der stets präzise seinen Apfel schält, ohne Zögern Menschenleben nimmt und so mysteriös ist, dass er selbst in den eigenen Reihen nur wenigen unter dem Decknamen „Odin“ bekannt ist. Ihn will Lambe jagen und zur Strecke bringen. Joe Lambe ist selbst ein Agent, allerdings auf der anderen Seite, der Seite des kapitalistischen Westens. Der MI-5-Mann ist auch der Hauptcharakter dieser Miniserie. Er ist jung, sieht gut aus, hat etliche Talente und lässt sich von niemandem Angst einjagen. Wäre „The Game“ in den 1960er Jahren gedreht worden, hätte Michael Caine diesen Typen gespielt. Nun ist es Tom Hughes, der hier knapp dreißig ist, mit seinen markanten Gesichtszügen auch einen tüchtigen „Peaky Blinder“ an der Seite von Cillian Murphy abgeben würde und vor gar nicht so langer Zeit in der ersten Staffel von „Silk“ noch als grünschnäbeliger Anwaltsgehilfe auftrat.

In „The Game“ sitzt Hughes nun mit stoischem Gesichtsausdruck mit ebenso stoischen Geheimdienst-Cracks am Konferenztisch, irgendwo in der undurchsichtigen Bürokratie des britischen Geheimdiensts, mitten in London im Jahr 1972. Die „Swinging Sixties“ mit ihrem großen Liberalisierungsschub sind vorüber, in Europa herrscht ein labiler Frieden, während hinter den Kulissen ein „kalter“ Krieg tobt. Hier, auf der Chefetage, residiert „Daddy“: Das ist der MI-5-Chef, dessen tiefe Furchen im Gesicht von anstrengenden Jahren im Spionagegeschäft künden. Ihn spielt Brian Cox, den man aufgrund seiner Physiognomie eigentlich als Klischee des obersten KGB-Offiziers, aber jedenfalls immer in diesem Metier vermuten würde – und der vermutlich auch deshalb gerne für solche Rollen besetzt wird. Viele ihrer Entscheidungen trifft diese Sphinx-hafte Gestalt intuitiv; doch „Daddy“ wirkt müde und angeschlagen; deshalb sieht Bobby Waterhouse (Paul Ritter) – einer von „Daddys“ potenziellen Nachfolgern – seine Zeit gekommen. Waterhouse ist ein Soziophob, der im Umgang mit Frauen noch unbeholfener als ein schüchterner Schuljunge ist – das Klischee eines erwachsenen Mannes, der alleine mit seiner Mutter (großartig: Judy Parfitt, die in „Call the Midwife“ eine wunderliche, jedoch warmherzige Nonne spielt) lebt, die ihn gnadenlos dominiert und den Strategen des MI-5 auch mal an den Ohren packt. Sie will, dass der Sohn endlich an die Spitze rückt, so wie es die Werte der englischen Upperclass nun einmal gebieten. Wegen Waterhouses Ambitionen wird im MI-5 bald selbst gespitzelt – ohnehin bringt die professionelle Querdenkerin Sarah Montag (Victoria Hamilton) den Verdacht auf den Tisch, dass jemand aus der vertrauten Chef-Runde ein Maulwurf sei und Informationen weitergebe.

Neben Lambes privatem Rachefeldzug gegen den sowjetischen Topagenten „Odin“ geht es in „The Game“ um ein ominöses Unternehmen des KGB, von dem der vorgebliche Überläufer Arkady (der rumänische Darsteller Marcel Iures) den Briten erzählt hat. Arkady verlangt viel Geld und eine neue Identität, als Motiv für seinen Übertritt gibt er sich als Hedonist, der den Früchten des westlichen Kapitalismus nicht länger widerstehen wolle. Vielleicht will er mit seiner Geschichte nur seinen Marktwert erhöhen, vielleicht ist es nur eine fingierte Erzählung aus Moskau, um die Londoner Geheimdienstler hinters Licht zu führen. Nur eines ist klar: Falls sich Arkadys Informationen als wahr erweisen sollten, würde dies eine radikale Wende im bisherigen Stillstand des Kalten Kriegs bedeuten.

Was nun hinter dieser als Operation „Glass“ bekannten Aktion eigentlich steckt – die laut Arkady alles bislang Dagewesene in den Schatten stelle – und wie groß die damit verbundene Gefahr für den Westen tatsächlich ist: Das müssen „Daddy“ und seine engsten Mitarbeiter nun eiligst herausfinden. Dabei zeigt die Serie, was auch schon die „Americans“ vermittelt haben: Während in letzterer Serie zwei KGBler als getarntes Ehepaar in die USA einreisen und dort unter falscher Identität eine Familie gründen, um im Washington der frühen 1980er Jahre den Regierungsapparat, das Militär und die Geheimdienste auszuspionieren, sind es in „The Game“ Einzelkämpfer wie Joe Lambe, die tagein, tagaus Spionage und Gegenspionage betreiben. Im Unterschied zu den roten Agenten aus „The Americans“ hat Lambe kein Privatleben; seine Wohnung ist ein spärlicher Raum, so steril, dass er nichts über seinen Bewohner verrät und allein zum Schlafen und Waschen dient. Lambe ist einsam, auch sein Chef – der während der Folgen auch weiterhin konsequent als „Daddy“ firmiert –, hat kein Privatleben und weiß, dass nach seiner Pensionierung allerhöchstens Tennis auf ihn wartet. Als der sowjetische Erstschlag zu einer akuten Angelegenheit wird, wissen davon nur die wenigsten, die auf den Etagen des Geheimdiensts ihren Dienst verrichten. Und für die kleine Zahl dieser Eingeweihten ist klar, dass sie nicht einmal ihre engsten Angehörigen vor der todbringenden Gefahr warnen dürfen. Das Privileg geheimer Kenntnisse wird so für viele zur Bürde, nur nicht für „Daddy“ und Lambe.

Beide Serien, „The Americans“ und „The Game“, stellen das Duell der Kalten Krieger, das abseits der Öffentlichkeit und unbemerkt von den Menschen, die geschützt werden sollen, stattfindet, als eine eigenwillige Beschäftigung, als ein sich selbst erhaltendes System dar. Die Abläufe sind immer die gleichen: Die Gegenseite muss daran gehindert werden, an brisante Informationen aus dem Bereich der eigenen Seite zu gelangen; umgekehrt will man solches Wissen vom Gegenüber beschaffen – ein ewiges Karussell. Ständig verwischen dabei die Grenzen zwischen Freund und Feind: Der MI-5 konkurriert mit dem MI-6, innerhalb des MI-5 will der Stellvertreter den Chef stürzen und selbst die USA – der „Cousin“ – werden behandelt, als ob sie schon morgen der Feind wären.

Die Informationsbeschaffung in diesem unsichtbaren Krieg läuft noch völlig analog ab – Computer und Internet in heutigen Dimensionen sind noch Zukunftsmusik. Eine Szene in der vierten Episode mutet wie eine Hommage an Francis Ford Coppolas Thriller „Der Dialog“ aus dem Jahr 1974 an – wie dort überwachen die Spitzel einen Park und während die Kamera in diese Szenerie hineinzoomt geht der Umgebungston sanft in das Rauschen der Überwachungsgeräte über. Riesige Antennen, Kabel und Tonbänder sind also die Arbeitsgeräte. Abgehört wird trotzdem, wenn auch mit filigranen Methoden. Was heute schon die banalsten Konsumprodukte beherrschen, ist damals eine hohe Kunst des Geheimdiensts: So müssen Räume erst aufwändig verwanzt werden, um die Gespräche dort aufzeichnen zu können. Und um Erlaubnis wird gefragt: Zwar beschließt „Daddy“ ziemlich undemokratisch, Angestellte von „Whitehall“, der britischen Regierungszentrale, abzuhören – doch ruft er zumindest vorher den Innenminister an. Und um in Privatwohnungen vorgelassen zu werden, um verdächtige Leute zu befragen und anschließend zu erpressen, wird eigens ein Mann der Polizei angefordert, weil die Geheimdienstler sich anderweitig keinen legitimen Zugang verschaffen könnten. So reist Joe Lambe also mit dem Detective Constable Jim Fenchurch (Shaun Dooley) durch die Gegend. Der bringt zunächst keinerlei Respekt und Verständnis für die undurchsichtige Arbeit der MI-5-Agenten auf, deren Methoden und Kultur er missbilligt, weil sie sich über das Gesetz erhöben. Doch als ein Atomkrieg droht, von dem die Öffentlichkeit aber gar nichts erfährt, sondern lediglich mit primitiven Fernsehspots für Schutzmaßnahmen in falscher Sicherheit gewogen wird, ist der Familienvater ganz froh, Lambe & Co. dabei helfen zu können, die Pläne der Sowjets zu vereiteln. So wird Fenchurch zum Kronzeugen des ewigen Spannungsfeldes zwischen Gesetzestreue und Unheilvermeidung.

„The Game“ zeigt eine unbarmherzige Parallelwelt, in der es allein darum geht, überlegen informiert zu sein und den Gegenspieler durch Bluffs zu täuschen. Und so ähnlich hat ja auch das Gleichgewicht des Schreckens funktioniert, das beide Machtblöcke – Ost und West – nach 1945 von einem allesvernichtenden Atomkrieg abhielt. Trotz dieser existenziellen Dimension, in der sich die Handlung bewegt, werden vor diesem Hintergrund relativ banale Alltagsprobleme nicht ausgelassen: Ein Paar innerhalb dieser Geheimdienstbürokratie versucht verzweifelt ein Kind zu zeugen – bis der Mann in der Handtasche der Frau die „Pille“ findet. Und die Assistentin (Chloe Pirrie) will nicht mit dem Chef schlafen, weil das einen schlechten Eindruck im Büro machen könnte.

Dennoch verdeutlicht die Serie, wie drastisch sich die Handlungen Einzelner im Zeitalter der Nuklearwaffen auf das Überleben ganzer Nationen auswirken können. „Daddy“ und seine Leute sind eine Miniaturversion von Winston Churchill und der Royal Air Force, die 1940 die brachiale Offensive der deutschen Luftwaffe stoppte und für die der nicht zuletzt dadurch legendär gewordene Premierminister einst die pathetischen Worte fand: „Never in the field of human conflict was so much owed by so many to so few.“ Abgeschwächt könnte das auch für die Geheimdienstler gelten – nur dass deren Wirken der Öffentlichkeit gar nicht erst bekannt werden durfte. So wirft auch der ältere Arkady gegenüber dem jüngeren Joe ein, dass die Schlacht von Stalingrad noch Helden hervorgebracht habe.

Neben einer ungemein stimmungsvollen, dabei jedoch stets zurückhaltenden Begleitmusik entfalten die Szenen ihre eindringliche Wirkung v.a. durch die Kameraführung. „The Game“ wartet mit einer ganzen Reihe ziemlich origineller Perspektiven auf. Meist schleicht die Kamera raubtierhaft um die Charaktere herum, als sei sie selbst ein Spitzel; ein andermal lauert sie in der hintersten Ecke und betrachtet von dort die Personen, die langsam näher rücken; dann wieder hängt sie an der Decke und blickt aus der Höhe auf das Geschehen herab. Das passt ganz wunderbar zur Aura des Siebziger-Londons, das im Vergleich zu heute noch etwas schmuddeliger, noch etwas karger wirkt. Auch lässt sich so die besondere Büroästhetik dieser Zeit, mit ihren dicken Glasaschenbechern, den hochglänzenden Holztischen und den wuchtigen Telefonen aus dickem Plastik inhalieren, ganz ähnlich wie bei den „Mad Men“.

Sicher: Das Rezept der Serie ist nicht bahnbrechend. Hier hat jemand einen Haufen unverbrauchter Gesichter zusammengeworfen, an denen sich die Welt noch nicht sattgesehen hat und die allesamt wie geschaffen für die Darstellung professioneller Geheimnisdealer erscheinen; hinzu kommt eine Thematik, die noch nicht allzu abgegriffen ist – zumal in diesem Format. Aber mit dem Kalten-Kriegs-Szenario, dem London der frühen 1970er Jahre und tollen Kameraperspektiven verdichtet „The Game“ seine einzelnen Bestandteile zu einer Atmosphäre, in die man unmittelbar hineingezogen wird. Auch die Liebe zu zeitgenössischen Details besticht: So kommt es immer wieder zu Stromausfällen, weil damals die rund 280.000 Bergarbeiter zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert einen nationalen Streik ausgerufen hatten und durch den siebenwöchigen Arbeitskampf in England die Kohlevorräte zur Neige gingen. Und vielleicht gibt all das ja auch Anlass, noch einmal die alten Harry-Palmer-Filme aus dem Regal zu kramen.