Serientipp

The Missing (2014)

Szene aus ‚The Missing (2014)‘

Kurzbeschreibung des Films: Ein Kind verschwindet im Public-Viewing-Trubel der WM 2006, für den Vater beginnt eine Suche, die sich zur Obsession auswächst. Die Miniserie unternimmt einen verstörenden Streifzug durch die Abgründe einer vermeintlich zivilisierten Gesellschaft und fährt eine ganze Parade zwiespältiger Figuren auf. Stets geht es um die Frage: Wie weit sind Menschen bereit, für ihre Ziele zu gehen?

Die Menschenmenge jubelt, während Tony Hughes blanke Panik überkommt. Es ist der Sommer 2006, die FIFA-Fußballweltmeisterschaft trägt gerade ihre Viertelfinalrunde aus und in der (fiktiven) französischen Kleinstadt Chalons Du Bois bejubeln die Einwohner den (realen) 0:1-Triumph ihrer Nationalmannschaft über die wie immer favorisierten Brasilianer. Tony Hughes ist ein englischer Tourist, soeben hat er sich in der stickigen Menschenmenge grölender Gäste einer Freiluftbar seinen Weg zur Theke gebahnt, um zwei Getränke zu bestellen, für sich und seinen fünfjährigen Sohn Oliver. Als er sich umdreht, fehlt von dem jedoch plötzlich jede Spur. Hughes hangelt sich an den siegestrunkenen Fans vorbei und ruft in immer kürzeren Intervallen: „Olly? Olly?“

Vielleicht ist Oliver vom Trubel zurückgewichen und zum großen Pool gelaufen, in dem sie – in einträchtiger Vater-Sohn-Manier – kurz zuvor geplanscht haben? Vielleicht hat er schnell die öffentliche Toilette aufgesucht? Oder ist er den verschlungenen Pfaden der weitverzweigten Freizeitanlage gefolgt, auf der er einen ausgelassenen Tag verbracht hat? Tony Hughes gehen jetzt blitzschnell unzählige Gedanken durch den Kopf, wo sein Sohn stecken könnte. Die Leute jubeln noch immer, die Abenddämmerung legt sich über den Schauplatz. Je mehr Sekunden der ungeklärten Abwesenheit verrinnen, desto hysterischer werden die Rufe und Bewegungen von Tony Hughes. Schließlich muss sich der Vater eingestehen, ohne professionelle Hilfe nicht weiterzukommen. Gemeinsam mit seiner Frau Emily, die im Hotel gewartet hat, wendet er sich an die französische Polizei.

Diese Szene, in der Tony Hughes seinen Sohn für einen winzigen Moment aus den Augen verliert und mit seiner vorläufig erfolglosen Suche beginnt, gehört sicherlich zu den stärksten Sequenzen, die derzeit das breite Spektrum hochwertiger TV-Serien aufzubieten hat. Dazu trägt auch bei, dass sie nicht von Musik begleitet wird, sondern in eine fürchterliche Stille übergeht, die dann von einem schrillen Dauer-Piepen unterlegt wird. Aber vor allem wird sie eindrucksvoll gespielt von James Nesbitt, der hier erst als liebevoller, dann verzweifelter Vater zwar eine gänzlich andere Figur als seinen autoritär-machohaften Polizeichef ungefähr zur selben Zeit in „Babylon“ (2014) spielt; dies jedoch mit der gleichen Überzeugungskraft.

Dabei steht die Szene nicht einmal am Anfang dieser achtteiligen Miniserie. „The Missing“ beginnt nämlich acht Jahre später, aber ebenfalls mit ihrem Protagonisten Tony Hughes und ebenfalls in Chalons Du Bois. Dort schleicht ein sichtlich gepeinigter Mann durch die verregneten Gassen, die von Falten umgebenen Augen so mühevoll aufgerissen, als ob er wochenlang nicht geschlafen hätte. Dieser Mann ist Tony Hughes – nach acht Jahren der Suche nach seinem Sohn (Oliver Hunt), dessen Schicksal noch immer ungeklärt ist. Von Emily (Frances O’Connor) ist er mittlerweile geschieden; sie lebt in London, mit einer neuen Familie, in der sie nicht nur einen neuen Partner (Jason Flemyng), sondern auch einen Ziehsohn (Macauley Keeper) gefunden hat.

Obsession und Imker

Tony Hughes ist dagegen zu einer bemitleidenswerten Gestalt verkommen, einem Mann, für dessen zurückliegendes Leid man nur allergrößtes Verständnis aufbringen kann, dem man aber gute Freunde wünscht, die ihm endlich sagen, dass seine anfangs nachvollziehbare Suche längst zur Obsession geworden ist. Hughes ist, zum wiederholten Male, in das Epizentrum seiner Lebenstragödie zurückgekehrt. Er glaubt – wieder einmal –, eine Spur gefunden zu haben; auf einem Foto, das er in der Stadt herumzeigt, ist ein kleiner Junge zu sehen, der offenbar Olivers Schal trägt, erkennbar an den aufgenähten Initialen. Was davon ist substanziell, was Produkt einer verzweifelten Hoffnung?

In Chalons Du Bois ist Hughes inzwischen zur Persona non grata abgestiegen. Hat man ihm früher als verstohlene Geste noch kostenlose Getränke serviert, erbittet man sich jetzt von ihm das Geld – am besten im Voraus, denn allzu oft hat er schon die Zeche geprellt. Mit der Hughes-Familie, die es einst 2006 wegen einer leidigen Autopanne in den kleinen Ort verschlagen hatte, ist das Stigma der Kindesentführungsstadt einhergegangen. Oliver Hughes: Geraubt von Menschenhändlern? Das Opfer eines Pädophilen-Rings? Niemand kennt die Wahrheit, aber die Kleinstadt geisterte damals als Schauplatz düsterer Geschichten durch die Gazetten; niemand hier will dieses geschäftsschädigende Thema je wieder aufwärmen.

Die Kommissarin Laurence Relaud (Émilie Dequenne), die damals schon dabei gewesen ist, alarmiert ihren alten Vorgesetzten, Julien Baptiste (Tchéky Karyo) über den tragischen Troublemaker. Der einstige Chefermittler Baptiste, der im Ruf stand, jeden noch so aussichtslosen Fall zu lösen, hat damals versagt; nun ist er in Rente, hat sich einen Bienenstock angelegt und fest vorgenommen, seiner Frau die verlorenen Jahre während des aufreibenden Polizistenjobs endlich zurückzugeben. Noch einmal macht er sich auf nach Chalons Du Bois, auch für ihn ein Unglücksort, um Tony Hughes zur Räson zu bringen. Aber trotz aller Skepsis lässt er sich anstecken von Hughes fanatischer Suche nach dem vermissten Kind – ein Schatten auch seiner Vergangenheit. Gemeinsam ergründen sie die Substanz der neuen Indizien und finden tatsächlich veritable Hinweise, die sie auf die Spur von Olivers Schicksal bringen könnten.

Die Serie blendet hin und her zwischen 2006 und&nbsp,2014, zwischen den hektischen Ereignissen mit einer Vielzahl an Beteiligten im WM-Sommer und der hartnäckig improvisierten Zwei-Mann-Fahndung fast ein Jahrzehnt später. Grandios gelungen sind dabei die Metamorphosen, welche die Charaktere in den dazwischenliegenden Jahren durchlaufen haben – und wie sie die Darstellerinnen und Darsteller verkörpern. Ob Emily und Tony Hughes oder Julien Baptiste: In unterschiedlichem Ausmaß sind sie ramponiert, physisch wie psychisch von zahlreichen Strapazen gezeichnet. An ihnen lässt sich ermessen, welch langlebige Blessuren Menschen von einem solchen Schicksalsschlag davontragen können.

„The Missing“ nimmt sich viel Zeit, diese Wandlungen nachvollziehbar zu machen. Langsam und extrem mühsam auch erarbeiten sich Hughes und Baptiste, zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten, gemeinsam neue Spuren, die sie immer weiter tragen. Bis zum Schluss bleibt offen, was sich damals, in der Bar im WM-Sommer 2006, wirklich zugetragen hat und ob Oliver gefunden wird. Durch diese niedrige Geschwindigkeit werden die Zuschauer von neuen Hinweisen und Fakten mit einer brachialen Gewalt erfasst, wird die Aufklärung noch so geringfügiger Sachverhalte mit enormer Spannung erwartet. Als die Serie in Großbritannien urausgestrahlt wurde, fesselte sie ein Millionenpublikum an die TV-Bildschirme und löste gigantische Tweet-Wellen aus.

Im Abgrund der Gesellschaft

Derweil zeichnen die Episoden ein deprimierendes Bild menschlichen Zusammenlebens in einer vermeintlich zivilisierten Gesellschaft: Gezeigt werden reichlich unsympathische Wesenszüge, teils widerliche Charaktere, ein pessimistischer Reigen der schlechten Seiten moderner Gesellschaften. Da sind die Einwohner von Chalons Du Bois, die zuallererst um das Image ihrer Stadt besorgt sind; da ist der Untersuchungsrichter (Eric Godon), der vor seinem Bürgermeisterwahlkampf den Fall nicht wiederaufnehmen will und dazu erst von Baptiste erpresst werden muss; einer der Ermittler (Saïd Taghmaoui) ist korrumpierbar, weil er eine dunkle Vergangenheit verdeckt hält; erpresst wird er von einem Journalisten (Arsher Ali), der sich mit seiner Reportage über die Hughes-Tragödie profilieren will; in die Entführung ist eine Bande rumänischer Krimineller verwickelt, die Verrätern die Kehlen aufschlitzen; und der Hauptverdächtige Vincent Bourg (Titus De Voogdt) ist ein Pädophiler, der sich später mit Medikamenten von seiner Pädophilie heilen will und solange im Fast-Food-Restaurant die Nachtschicht übernimmt, damit er keinen kleinen Kindern begegnet.

So verschieden die Charaktere auch sind, die hier porträtiert werden: Stets lotet die Serie aus, wie weit Menschen bereit sind, für ihre Ziele zu gehen, wie viele moralische Grenzen sie überschreiten, um das zu bekommen, wonach sie innerlich streben. Tony Hughes will seinen Sohn zurück – also sucht er unablässig weiter; Emily Hughes sehnt sich nach der Rückkehr in ein stabiles Leben – und gibt die Suche auf. Bourg ist pädophil, aber will sich chemisch kurieren lassen; Baptiste will das vermisste Kind finden, aber zwingt kriminelle Drogenabhängige zur verdeckten Ermittlung unter extremem Risiko. Der Journalist Malik Suri will die Wahrheit an die Öffentlichkeit bringen – aber er labt sich an der Familientragödie und nutzt biografische Schwachstellen potenzieller Informanten aus.

Das zwischenmenschliche Verhalten, die sozialen Mechanismen: Sie alle fügen sich hier zu einem ungemein tristen Panorama zusammen. „The Missing“ ist eine filigran erarbeitete Exkursion in die Abgründe der Gesellschaft, während der man auf eine Vielzahl höchst ambivalenter Figuren trifft. Und eine Binge Watching-taugliche Serie, die man nicht verpassen sollte.