Serientipp

War & Peace (2016)

Szene aus ‚War & Peace (2016)‘

Triefender Pathos, epische Schlachten, seichte Beziehungsspiele: Die BBC hat den monumentalen Tolstoi-Klassiker „Krieg und Frieden“ in einer Mischung aus Kitsch und Brutalität neu aufgelegt – und dafür ein Who-is-Who der britischen Schauspielwelt aufgeboten.

Ach, wie konnte sich Hollywood damals glücklich schätzen, dass die Weltlitertaur solch famosen Stoff für monumentale Filmprojekte bot: Mit „Ben Hur“ (1959; Buchvorlage: Lew Wallace, 1880), „Die Brücke am Kwai“ (1957; Buch: Pierre Boulle, 1954) oder „Krieg und Frieden“ (1956; Buch: Leo Tolstoi, 1869) konnte die Traumfabrik genau dann auf spektakuläre Geschichten zurückgreifen, als sie ihre Existenzberechtigung gegenüber dem aufstrebenden Fernsehen nachweisen musste. Denn diese extrem aufwändigen, mit gigantischen Ressourcen produzierten Werke konnten ihre Faszinationskraft vor allem auf der Leinwand entfalten; mit ihnen gab es wieder Gründe, von der Mattscheibe abzulassen und sich an der Kinokasse anzustellen.

Ausgerechnet eine Romanvorlage, die dereinst in einem klassischen Hollywood-Schinken verarbeitet worden ist, wird nun zurückgeholt ins Fernsehen: „Krieg und Frieden“. „War & Peace“ ist eine zeitgemäße BBC-Produktion, die das Auge mit hochqualitativen Bildern verwöhnt, wie wir das inzwischen von TV-Produktionen ja gewohnt sind. Hatte Regisseur King Vidor Mitte der 1950er Jahre mit u.a. Audrey Hepburn, Henry Fonda und Mel Ferrer ein fulminantes Starensemble engagiert, so bietet die Neuadaption des Tolstoi-Bestsellers einen illustren Querschnitt aus alten und jungen Gesichtern des britischen Schauspielkosmos auf.

Obwohl bspw. der 31-jährige Paul Dano in der Rolle des Grafen Pierre Bezukhov im Vergleich zu seinem Vorgänger Henry Fonda geradezu kindlich wirkt (Fonda war damals ja aber auch schon fünfzig) und obwohl die ersten beiden Folgen der sechsteiligen Miniserie stellenweise wie eine seichte Soap daherkommen, entwickelt „War & Peace“ relativ bald einen ganz eigenen Charme.

Die Handlung ist bekannt und lässt deshalb kaum Spielräume für Überraschungen: Anhand einer Handvoll aristokratischer Familien schildert „War & Peace“ das Schicksal des russischen Adels im Zarenreich vor dem Hintergrund der napoleonischen Kriege. Die Eltern bangen um ihre Söhne, die in schneidigen Uniformen an die Front reiten, um sich im todbringenden Kugelhagel von Napoleons Grande Armée ihrer patriotischen Pflicht zu stellen und ihrem überkommenen Männlichkeitsideal zu genügen. Die Töchter wiederum sollen mittels lukrativer Ehen das finanzielle Überleben der Familie sichern.

Bietet die an die Buchvorlage und historischen Ereignisse gebundene Story also wenig Originalität, so macht es vor allem Spaß, die unzähligen Nachwuchsstars des britischen Fernsehens in Rollen am Ende der Frühen Neuzeit zu sehen. James Norton, der seit 2014 als Sidney Chambers in „Grantchester“ komplizierte Mordfälle im England der frühen 1950er Jahre löst und mit diversen Engagements gerade zum britischen TV-Star avanciert, spielt hier den trübseligen Adelsspross Andrei Bolkonsky, der im Kriegsdienst Zuflucht vor seinen privaten Problemen sucht: In der schwerbehangenen Uniform eines russischen Stabsoffiziers marschiert er über das von Pulverrauch getränkte Schlachtfeld, auf dem Kopf ein heute absurd riesig anmutender Tschako, die Hand am Säbel, während neben ihm die Kameraden von heransausenden Kanonenkugeln zerfetzt werden. Lily James („Downton Abbey“, „Cinderella“), hier mindestens so tanzfreudig wie in „Dowton Abbey“, scheint auf glamouröse Figuren abonniert zu sein und tritt als Gräfin Natasha Rostova auf, die sich erst mit Bolkonsky verlobt, um sich anschließend mit der gleichen Inbrunst in eine Affäre mit dem promiskuitiven Anatol Kuragin zu stürzen. Den wiederum spielt Callum Turner („Glue“) als einen jungen Mann, dessen immenses Selbstbewusstsein aufgrund seiner Naivität unerträglich ist; er schläft mit seiner Schwester, flirtet mit der Zofe jener Frau, die er auf Geheiß seines Vaters eigentlich umwerben soll – doch spätestens wenn er nach der Schlacht von Borodino im Feldlazarett auf dem Amputationstisch landet, erregt auch diese unsympathische Figur Mitleid.

Man könnte an dieser Stelle noch viele Weitere aufzählen – etwa Tom Burke („Utopia“, „Die Musketiere“) als testosterongeladener Sauf- und Raufgeselle Fedya Dolokhov, Aisling Loftus (bekannt aus „Mr Selfridge“ und laut Daily Mail derzeit „on the fast track to superstardom“) als bescheidene Sonya Rostova oder Paul Dano in einer starken Performance als junger Graf, der zwar im Geld schwimmt, aber von Frau und Freunden ständig betrogen wird. Wirklich gelungen ist die Besetzung aber durch die Auswahl einer kongenialen Gruppe Älterer: Adrian Edmondson und Jim Broadbent (der Vater von Bridget Jones) spielen zwei schwerreiche Familienoberhäupter, die der Krieg in geplagte Patriarchen verwandelt; Greta Scacchi („Aus Mangel an Beweisen“, „The Player“) gibt eine unerträglich egoistische Mutter; und Mathieu Kassovitz („Die fabelhafte Welt der Amelie“) verleiht dem französischen Kaiser-Feldherrn Napoleon das unvergleichlich bonapartistische Überlegenheitsgefühl, das diesen Mann vermutlich einst ausgemacht hat.

Herrlich sind nicht zuletzt Gillian Anderson (Akte X, „The Fall“) und Stephen Rea („The Crying Game“, „Utopia“), die der aristokratischen Dekadenz des russischen Adels in der snobistischen Salon-Gesellschaft eine ganz eigene Körpersprache verleihen. Schauspielerisches Highlight ist jedoch Brian Cox, der als Zaren-General Kutuzov die russische Armee in das brutale Kräftemessen mit den französischen Invasoren führt: Cox’ zerfurchtes Gesicht – eine fleischliche Manifestation bedrückender Sorgen – verleiht diesem stets pessimistischen Charakter eine eindrucksvolle Aura (ohnehin ist der historische Kutuzov in Tolstoi-Verfilmungen schon immer mit solch martialisch dreinblickenden Köpfen besetzt worden, man denke nur an Oskar Homolka in der 1956er Hollywood-Adaption).

Geboten wird ein breites Spektrum menschlichen Glückes und Leides, teils zeitgenössisch, teils zeitlos. Duelle um die männliche Ehre, der uniformierte Marsch in den Untergang, das heuchlerische Antichambrieren gegenüber noch Reicheren und noch Mächtigeren: „War & Peace“ offenbart en passant die Sinnlosigkeit so mancher sozialen Rituale und überlieferten Normen, die hier zwar als Boten längst vergangener Zeiten daherkommen, jedoch nie verschwunden sind. Anstrengender Hedonismus trifft auf naive Opferbereitschaft, das aristokratische Leben als Lust und Last.

Trotzdem: „War & Peace“ mag in technischer Hinsicht ein zeitgemäßes Update von Tolstois Romanvorlage sein. Besonderen Realismus oder packende Tiefe sollte man jedoch nicht erwarten. Wer aber sechs Stunden adrette Unterhaltung sucht, kann bedenkenlos einschalten – und bekommt obendrein eine ganze Garde hervorragender Darstellerinnen und Darsteller serviert.