Filmtipp

Blow Out (1981)

Szene aus ‚Blow Out (1981)‘

Kurzbeschreibung des Films: Augenschmaus, Verschwörungsthriller und Destillat einer Ära des Misstrauens: All das ist Brian De Palmas atmosphärischer Film, in dem John Travolta als akribischer Tontechniker einen politischen Komplott aufzudecken sucht, weil alle klassischen Kontrollinstanzen versagen.

Dreieinhalb Minuten lang sieht man nur nackte Brüste. Ein Film im Film sozusagen, in dem Regisseur Brian De Palma dem Horror-Genre seine Reverenz erweist. Das noch unfertige Werk einer B-Movie-Schmiede, für das der Tonspezialist Jack Terry (John Travolta) die geeigneten Schreie und Windgeräusche einbauen soll. Terry war mal bei der Polizei, rüstete Spitzel mit Tonbändern aus, doch als eine Mission im brutalen Tod des Informanten endete, weil der sich mit seinem eigenen Angstschweiß an den Batterien verbrannt hatte, hat sich Terry einen anderen Job gesucht. Jetzt vertont er Horror-Softpornos, eine denkbar ungefährlichere Tätigkeit.

Das Geheimnis des Gouverneurs

Auf der Suche nach einem Wind-Sample in freier Natur wird Terry zum Zeugen eines Autounfalls – die Limousine kommt von der Straße ab, rast direkt in den See und versinkt darin wie ein Stein. Aus dem untergegangenen Wrack gelingt ihm, eine Frau zu bergen. Später, im Krankenhaus, erfährt er die Identität des toten Fahrers: Gouverneur McRyan – ein Politiker, der sich auf direktem Weg ins Weiße Haus befunden hat, in den Umfragen den Präsidenten weit hinter sich ließ, kurz: ein Mann mit vielen potenziellen Feinden. Dessen Mitarbeiter bedrängt Terry sogleich, auf keinen Fall die wahre Begebenheit zu schildern; McRyan, der Familienvater, tragisch verstorbener Fast-Präsident, soll zumindest nicht als Ehebrecher in den Zeitungen stehen – denn die Frau, die Terry aus dem versunkenen Auto gezogen hat, war offenbar McRyans heimliche Geliebte, ein Seitensprung. Also ein typischer PR-Komplott, wie man ihn der professionellen Politik ohnehin unterstellen würde?

Jack Terry lässt sich darauf ein; aber noch in derselben Nacht erwacht sein investigativer Elan. Mithilfe filigraner Technik und allerhand Apparaturen montiert er aus Bildern, die ein angeblich zufällig anwesender Hobby-Filmer gemacht hat, und seiner Tonbandaufnahme eine Sequenz, mit der sich der tatsächliche Hergang des vermeintlichen Unfalls rekonstruieren lässt. Jack ist sich sicher: Bevor die Luft aus dem Reifen entwich und das Fahrzeug aus seiner Spur geworfen wurde, war ein Schuss zu hören gewesen – ein Schuss auf den Reifen. Demnach wäre Gouverneur McRyan, der aussichtsreiche Präsidentschaftskandidat, das Opfer eines Attentats.

Terry setzt nun alles daran, die mögliche Konspiration aufzudecken, geht zur Polizei, nimmt Kontakt zu einem Journalisten auf und will Sally (Nancy Allen), die Frau aus dem Wrack, als Verbündete gewinnen. Genährt wird sein Verdacht, als Sally bedrängt wird, aus der Stadt zu verschwinden, und jemand all seine Tapes gelöscht hat.

Audiovisuelles Erlebnis der Extraklasse

„Blow Out“ ist ein handwerklich anspruchsvoller, ausgefeilter Film. Brian-De-Palma-Thriller zeichnen sich ohnehin durch eine ganz besondere Optik aus; „Blow Out“ sticht in diesem Punkt allerdings aus dem Repertoire des Regisseurs hervor. Ständige, teils fließende Perspektivwechsel von Nah zu Fern, Szenen mit herangezoomten Gesichtern, in denen sich die Augenpartie über die gesamte Bildfläche legt, Splitscreens und ausgiebige Blicke auf die technischen Gerätschaften und deren Mechanismen in Aktion: All das wirkt wie eine freimütige Hommage an Francis Ford Coppolas grandioses Spitzel-Epos „The Conversation“ aus dem Jahr 1974, in dem Gene Hackman als Abhör-Crack Harry Caul nächtelang an seinen Tongeräten verbringt, um aus einer Großstadtkakophonie Stimmen zu filtern.

Mit ähnlicher Genialität bastelt sich Jack Terry aus Magazinbildern ein Video – und De Palma nimmt sich viel Zeit, die einzelnen Handgriffe dieser minutiösen Arbeit zu zeigen. Diese kinematografische Ausführlichkeit setzt sich fort in aufwändig, fast schon liebevoll detailreich arrangierten Zimmern und Büros, die dem Film einen angenehmen Realismus, eine Aura verleihen. Zur intensiven Atmosphäre des Films trägt aber vor allem die Kameraführung bei. De Palma und sein Kameramann Vilmos Zsigmond – der sich hier sein eigenes Denkmal gesetzt hat – lassen die Kamera oft auf Brusthöhe der Charaktere schweben oder folgen ihnen ganz dicht durch die Straßen und Flure, um dann wieder in Panoramaaufnahmen zu wechseln, die das Ausmaß und den Trubel der Großstadt verdeutlichen. Auch blickt man als Zuschauer, wie mit einer Spionagekamera, von der Zimmerdecke auf die Figuren herab; im Finale des Films gibt es dann auch noch eine fulminante Vogelperspektive, wenn Jack Terry mit seinem Jeep erst durch einen neoklassischen Gebäudekomplex und anschließend in eine Festtagsparade rast. Und wie in anderen De-Palma-Werken („Carlito’s Way“, „Die Unbestechlichen“) spielt eine besonders eindringliche Szene an einem großen Bahnhof.

Veredelt wird dieses visuelle Kunstwerk mit der Musik von Pino Donaggio, der zuvor bereits die Soundtracks für De Palmas Horror-Fantasie „Carrie“ (1976) und dessen Psycho-Thriller „Dressed to Kill“ (1980) komponiert hatte. Die musikalische Begleitung ist stark dosiert und steigert gerade deshalb das Spannungspotenzial der entsprechenden Szenen.

Die amerikanische Großstadt inszeniert De Palmas als dunklen Ort, der viele kleine Refugien bietet für die Abgründe der menschlichen Gesellschaft. Schmutzige Appartements, glitschige Straßen und düstere Abhänge. Die Begierden der Akteure sind vornehmlich Geld und Sex. Dennis Franz spielt einen furchtbar schmuddeligen Typen, einen notorischen Erpresser, der im Suff Sally verschwitzt und mit fettfleckigem Unterhemd zum Sex bedrängt, die ihm dann eine Schnapsflasche auf dem Kopf zertrümmert.

John Lithgow taucht auf als ein besonders finsterer, gefährlicher Typ. Denn der – lakonisch nur Burke genannt – beherrscht gleich zwei Techniken, die ihn im Zeitalter der Telekommunikation zum ultimativen Killer prädestinieren: Abhören und Töten. Ganz klassisch erdrosselt Burke seine Opfer mit einem Drahtseil an der Uhr aus dem Hinterhalt; und mit einem im Keller drapierten Aufnahmegerät hört er, versiert in moderner Technik, Terrys Telefonleitung ab, wodurch er all dessen Pläne akribisch mitverfolgen kann.

Ein Produkt des Zeitgeists

„Blow Out“ spielt mit dem Gedanken, dass hinter jeder Nachricht eine Manipulation stecken könnte, dass ein vermeintlicher Schicksalsschlag in Wirklichkeit nur die massenmediale Fassade ist, hinter der sich eine niederträchtige Konspiration, eine Lüge oder sogar ein Verbrechen verbirgt. Aber eben auch mit der Unsicherheit verbunden, nicht genau zu wissen, ob der Vorfall das Ausmaß des „Watergate“-Skandals erreicht oder am Ende doch weit weniger brisant ist.

Und der Film greift eine sympathische Heldenutopie auf, bei der die „Bösen“ zwar sämtliche Vorkehrungen getroffen haben, um die Institutionen der modernen Gesellschaft zu täuschen – die Medien, die Polizei, die Justiz –, aber verwundbar sind für die Gegenattacken eines couragierten Einzelkämpfers, eines auf sich allein gestellten Mannes à la Jack Terry, mit dem die Verschwörer schlicht nicht gerechnet haben. Natürlich ist der Film damit ein Kind seiner Zeit: Die skandalöse Nixon-Ära hatte unter der amerikanischen Bevölkerung nicht nur ein großes Misstrauen in die Politik hervorgerufen, sondern infolge öffentlich gewordener Beweise politischen Machtmissbrauchs auch die Berechtigung dieser Haltung, die Bestätigung der Skepsis, mit sich gebracht. Das sind auch die tragenden Motive von „Blow Out“: Macht, Manipulation und Misstrauen.