Filmtipp

If… (1968)

Szene aus ‚If… (1968)‘

Kurzbeschreibung des Films: Ausgerechnet im inzwischen ikonischen Jahr 1968 inszenierte der britische Regie-Rebell Lindsay Anderson eine eskapistische Gewaltfantasie, die im Nachhinein wie ein Prolog auf die Radikalisierung eines kleinen Teils der Studentenbewegung wirkt. Vor allem aber ist sein Film eine verstörende Abrechnung mit der englischen Internatskultur.

Nein, es muss keine Realität sein, was man am Ende des Films sieht. Vielleicht ein moralisch bedenklicher Tagtraum, eine Horror-Vision – je nachdem aus welcher Perspektive das Geschehen erlebt wird. Fantasie oder Wirklichkeit, eben „if …“

Der Scum und die Whips

„Scum“ – Abschaum. So werden die jüngeren Schüler genannt, die sich wie der Neuankömmling Jute den älteren gegenüber devot und gehorsam geben müssen. Es sind strenge, teils animalische Hierarchien, die das Leben in der englischen Privatschule bestimmen. Unterwürfigkeit ist eine der elementaren Antriebskräfte dieses sozialen Systems, dem sich die (ausschließlich männlichen) Schüler fügen müssen. Unterhalb des Schulleiters, der Lehrer und des Verwaltungs- und Versorgungsstabs, die jeden Tag im Essenssaal wie hochrangige Offiziere an den Schülern vorbeidefilieren, existiert eine Kaste privilegierter „Whips“ – Einpeitscher, die im Auftrag der Schulleitung und Lehrer für Disziplin und Moral sorgen sollen. Tagsüber erteilen sie Befehle und kommandieren die Jüngeren herum, rekrutieren sich aus der Masse des „Scum“ ihre Adjutanten, die für sie Dienste wie Teekochen oder Badeinlassen erledigen müssen; abends inspizieren sie dann auf ihren Kontrollgängen die Zimmer ihrer Mitschüler und geben das Kommando zum kollektiven Lichtausschalten – anschließende Gespräche sind nicht gestattet.

Der Ort, an dem der Film spielt, ist eines dieser urenglischen Gemäuer, hinter denen die zukünftige Elite Großbritanniens heranwächst. Die Privatschule wird hier als archaischer Bestandteil der britischen Gesellschaft porträtiert, als ein Ort, an dem entgegen seiner vom Schulleiter postulierten Ideale sinnlose Normen befolgt werden müssen; etwa dass im Korridor stets gerannt werden muss (natürlich nur, wenn man zum „Scum“ gehört). Bei Vergehen oder Ungehorsam müssen sich die Delinquenten in der Turnhalle einfinden; dort beugen sie sich dann vor dem versammelten, mit Gerten bewehrten „Whip“-Tribunal über den Turnbalken und warten auf die schmerzvollen, mit Anlauf ausgeführten Hiebe auf den Hintern.

Blutsbrüder der geheimen Alternativkultur

Der College-Alltag widerspricht den Werten, auf die der Schulleiter so stolz ist und derentwegen er sich als Kopf einer nicht nur ehrwürdigen, sondern gesellschaftlich auch essenziellen Institution wähnt. Den Schülern, die er in seinen privilegierten Hilfsstab berufen hat, predigt er auf Spaziergängen über das Gelände die Ideale des Colleges, das in seinen Augen eine ganz hervorragende Funktion für die britische Gesellschaft erfülle, die derzeit voller Energie und Kreativität sei. Dieselben Schüler sind es, die ihre jüngeren Mitschüler zu servilen Dienern degradieren, von denen sie sich Tee und Toast bringen lassen und die sie vom morgendlichen Duschgang bis zum abendlichen Schlafengehen den ganzen Tag über schikanieren und kontrollieren. Die Charaktere, die Großbritanniens Nachwuchs heranziehen, werden in diesem Film jedenfalls alles andere als integer und aufrichtig dargestellt.

In einer der höheren Altersklassen hat sich indes eine rebellische Gruppe zusammengefunden, deren Mitglieder immer weniger Bereitschaft finden, sich diesem autoritären, teils unmenschlichen Regime zu beugen, und die in kleinen Zimmern aus Magazinen gerissene Bilder von nackten Frauen und Muhammad Ali aufhängen und genüsslich Wodka-Flaschen leeren, während sie Blutsbrüderschaft schließen. Von der Alternativkultur zur gewaltsamen Auflehnung gegen das System ist es nur noch ein kleiner Schritt.

Man merkt: Hier nutzen eine Reihe von Menschen die technischen Möglichkeiten und die künstlerische Freiheit ihrer Zeit, um traumatische Lebenserfahrungen einfließen zu lassen in ein Werk, das den Blick auf einen verschlossenen Raum der britischen Gesellschaft lenkt, die versteckten, düsteren Ecken deren Bildungswesens ausleuchtet. Viele britische Kulturschaffende, die zwischen 1920 und 1945 geboren wurden, haben so etwas kreiert: In Pink Floyds Kult-Song „Another Brick In The Wall“ etwa werden die Schüler als Werkstücke einer seelenlosen Maschinerie gezeigt.

Der Regisseur des Films, Lindsay Anderson, damals Mitte vierzig, hatte in seiner Jugend selbst eine jener Schulen besucht – eine Erfahrung, die ihn in einer zeitgenössischen Betrachtung des Spiegel zum „Poet der Grausamkeit“ machte, und Willi Winkler nannte Anderson in seinem Nachruf den „bösartigsten[n] Satiriker, den England seit Jonathan Swift ertragen mußte“. Dieser Anderson (Jahrgang 1923) entwirft hier in seinem Film, gemeinsam mit seinem Drehbuchschreiber David Sherwin (Jahrgang 1942), ein verstörendes Bild von den Ausbildungsstätten der englischen Jugend, einem der kulturellen Fundamente Großbritanniens. Die rebellischen Schüler suchen sich ihr Ventil nicht bloß in harmlosem Schabernack und kontrollierbarem Ungehorsam; sie radikalisieren sich und bekämpfen das aus ihrer Sicht unterdrückerische Regime mit brachialer Gewalt. In den Schlussszenen lassen sich Züge von Baader, Ensslin & Co. erkennen – terroristische Attacken und inzwischen zu Klischeefiguren geronnene Charaktere, die zum Zeitpunkt des Films im wirklichen Leben noch ausstanden.

Natürlich erregte der Film mit seinen kontroversen Szenen und deren mutmaßlicher Aussage die Gemüter seiner Zeit. Eine Verherrlichung von zügelloser Gewalt, von blutiger Revolution? Aber offenbar war das Verständnis für dieses Werkt groß genug, um ihm 1969 in Cannes die „Goldene Palme“ zu verleihen und es 1970 für einen „Golden Globe“ zu nominieren. Und es lieferte wohl auch den Grund, weshalb Stanley Kubrick den jungen Schauspieler Malcolm McDowell für die Hauptrolle in „A Clockwork Orange“ (1971) auswählte. Sein renitenter Schüler Mick war damals McDowells erste Filmrolle; obwohl so viele ungemein talentierte Darsteller in „If….“ mitwirkten, war McDowell der einzige von ihnen, der es zu Weltruhm brachte – nicht zuletzt eben durch Kubricks inzwischen zum Klassiker avanciertes Werk. Schon in „If….“ kann man dieses McDowell-Gesicht sehen, dessen Mimik und Blicke von einem fest entschlossenen, überzeugten Menschen künden, dem alles zuzutrauen ist, von einem Mann des Unbedingten. Lindsay Anderson, David Sherwin und Malcolm McDowell fanden zwischen 1968 und 1982 insgesamt dreimal zusammen, um eine radikale Trilogie zu drehen: auf „If….“ folgten „O Lucky Man!“ (1973) und „Britannia Hospital“ (1982).

Am Vorabend des Terrorismus

Der Auftakt dieser Trilogie, in der McDowell jedes Mal einen Charakter gleichen Namens spielt („Mick Travis“), schildert den Alltag an Großbritanniens Schulen als dringend reformbedürftig. Es waren damals ja auch die Sechziger, das Jahrzehnt fortschreitender Liberalisierung auf so vielen Feldern. Der Schulleiter (Peter Jeffrey) gibt übrigens eine im Rückblick grandios prägnante Beschreibung des Zeitgeists dieser Gesellschaft im Umbruch: „Britain today is a powerhouse of ideas, experiment, imagination, on everything from pop music to pig breeding, from atom power stations to miniskirts, and that’s the challenge we’ve got to meet.“

Viele Reforminitiativen dieser Zeit mündeten – in der Bundesrepublik bspw. an den Universitäten – in ein Modell der Selbstverwaltung. Doch „If….“ ist nicht zuletzt auch eine drastische Kritik an unzureichend reglementierter Selbstverwaltung; denn in Andersons Film ist der selbstverwaltete Schüleralltag keine liberale Alternative zur Aufsicht durch Erwachsene bzw. Lehrer. Stattdessen gerät sie zur Grundlage eines sadistischen Systems, in dem Menschen Macht über andere erlangen können, wenn sie sich nur lange genug selbst schikanieren lassen.

Es sind solche scheinbar en passant eingebaute Elemente, die den Film auch – oder gerade – heute noch besonders auszeichnen. Großartig, weil überraschend und skurril, ist aber auch die Szene, in der Mick und ein namenloses Mädchen in einem Café wie Raubtiere einander gegenüberstehen, sich anfauchen und mit Krallenbewegungen beharken, ehe sie sich urplötzlich nackt auf dem Fußboden wälzen. Überhaupt relativiert sich hier der Grad an Bizarrem, den man aus „Monty Python’s Flying Circus“ (1969–1974) kennt – dessen Parodien auf die britische Kultur nach der Betrachtung dieses im Jahr zuvor gedrehten Films nicht mehr ganz so grotesk wirken.

Welche Botschaft vermittelt der umstrittene Film denn aber nun? Plädiert er für gewaltsamen, terroristischen Widerstand oder für Opposition und Reform innerhalb des Systems? Womöglich macht „If….“ einfach nur beides: Er zelebriert unangepasstes Verhalten und jugendliche Individualität, er offenbart soziale Missstände und plädiert für radikale Lösungen, die allerdings nicht zwingend durch Waffengewalt erreicht werden müssen. Vielleicht ist „If….“, geschaffen von Leidgeprüften, aber auch nur ein Plädoyer für den erlösenden Tagtraum, der das Bedürfnis nach Gegengewalt einigermaßen friedlich absorbiert. So oder so verdient der Film ein immerwährendes Publikum.