Filmtipp

Secret Ceremony (1968)

Szene aus ‚Secret Ceremony (1968)‘

Menschlicher Verlust und Alleinsein verschmelzen zu einer unheilvollen Kombination: Mia Farrow und Elizabeth Taylor in einer verstörenden Tragödie voller (Selbst-)Betrug, Missbrauch und traurigem Luxus.

Schon im DVD-Menü wird man von einem starren Auge fixiert, unter einer halbtransparenten Ebene läuft in Endlosschleife eine Abfolge dramatischer Gesichter – und natürlich wird all dies von einer zutiefst melancholischen Spieluhrmusik begleitet. Einer dieser ganz speziellen Filme, denkt man sich. Und so ist es auch: Seelisches Leid, psychischer Wahn, menschliche Tiefpunkte sind die Triebfedern von „Secret Ceremony“.

Mit dem Film adaptierte der amerikanische Regisseur Joseph Losey – einst vor den Umtrieben der nationalen Kommunistenhatz während der McCarthy-Ära auf die britischen Inseln exiliert – eine Kurzgeschichte des argentinischen Schriftstellers Marco Denevi: „Ceremonia Secreta“. Für seine Literaturverfilmung konnte Losey auf eine grandiose Kombination setzen: Mia Farrow, damals gerade 23 Jahre alt und kurz vor ihrer Scheidung von dem dreißig Jahre älteren Frank Sinatra, schaffte zu dieser Zeit ihren Durchbruch und gehörte bald zu den Shooting Stars von Hollywood – im selben Jahr erschien Polanskis Horror-Klassiker „Rosemary’s Baby“, im Jahr darauf drehte sie zusammen mit Dustin Hoffman das Beziehungsdrama John und Mary. Ganz anders die zweite Hauptdarstellerin: Elizabeth Taylor (1932–2011) hatte ihre ganz großen Kinoerfolge schon längst hinter sich, war schon damals ein ultimativer Stern am schillernden Firmament der Traumfabrik.

In „Secret Ceremony“ spielen Farrow und Taylor (gebürtige Londonerin) zwei Frauen, die eine Beziehung beginnen, die in zerrüttender Frequenz zwischen fürsorglicher Symbiose und gegenseitiger Ausnutzung schwankt. Elizabeth Taylor, die Ikone des „alten“ Hollywood, bewegt sich als Prostituierte Leonora mit imposanter Gravität durch den Film, ohne dabei in das berüchtigte Overacting zu verfallen. Mia Farrow, der Star des „New Hollywood“-Kinos, fügt sich so großartig in ihre Rolle der jungen Frau Cenci, weil allein jede Pore ihres Körpers die Aura tiefer Neurosen verströmt. Die Bewegungen ihrer Augen und ihrer Hände, ihr Lachen, ihr Wimmern, ihr Hauchen – all das summiert sich zur beeindruckenden Darstellung einer zutiefst verstörten Persönlichkeit. Selbst Leonora reagiert einigermaßen konsterniert, als sie das wahre Alter ihrer Pseudo-Tochter erfährt: 22 Jahre alt soll sie sein. „Crazy people never look their age“, sagt eine von Cencis Tanten.

Eine verstörende Symbiose

Beide Protagonistinnen sind von schrecklichen Verlusten seelisch erschüttert: Die eine hat ihre kleine Tochter, die andere ihre Mutter verloren. Bei einer zufälligen Begegnung im schweren roten Londoner Doppeldeckerbus finden sie spontan und abrupt zueinander, im jeweiligen Gegenüber den verlorenen Part. Ein trauriges, verstörendes Zusammensein beginnt, als die Ältere kurzerhand in das Haus der Jüngeren zieht. Die Prostituierte Leonora verdient mit ihrem Körper Geld, die arbeitslose Erbin Cenci hat Geld im Überfluss.

In einer der ersten Szenen legt Leonora auf dem Friedhof Blumen am Grab ihrer Tochter nieder und blickt kurz darauf in die Augen der seltsamen Fremden, die ihr vom Bus aus gefolgt ist; in Augen, die mit einem Mal ganz vertraut sind: Es sind die Augen ihrer Tochter, wie diese sie ständig von einem Schwarzweißfoto anblicken. Das Mädchen stürzt auf sie zu – und nimmt sie mit, zu sich nach Hause. So beginnt die Tragödie, die sich zwischen den beiden abspielen wird.

Luxus und Wahnsinn

Wie eine Gefängnistür schließt beim Betreten von Cencis Haus sich hinter ihnen die Stahlstrebenpforte – vom Blick aus dem Inneren wirkt das gerade vorüberfahrende Auto wie eine weit entfernte Wirklichkeit, irgendwo anders, nur nicht hier, wo in diesem Moment genauso gut die emsigen Bediensteten aus „Downton Abbey“ vorbeihuschen könnten.

Das Anwesen, eine herrschaftliche Stadtvilla in London – inmitten einer Straße, die noch heute nach architektonischem Reichtumsexhibitionismus aussieht –, ist eine Manifestation absurder großbürgerlicher Wohlstandskultur. Gleich zu Beginn ihres Aufenthalts wandelt Leonora entzückt durch den begehbaren Kleiderschrank zwischen all den Nerz- und Fuchsfellmänteln, Flure und Gänge vermitteln den Eindruck einer Kathedrale. Doch all die Ausgeburten immensen Reichtums, die sich durch die Zimmer und Flure erstrecken, strahlen keinerlei Dekadenz aus, sondern künden von einer freudlosen Vergangenheit – als bestünde der Zweck all diesen Luxus-Klimbims darin, die menschlichen Abgründe zu verbergen, die sich hier im Haus einst auftaten.

Das Haus baute der damalige Stararchitekt Halsey Ricardo 1906 im Auftrag des Kaufhaus-Magnaten Ernest Debenham (Debenham & Freebody), dessen Großvater William das Geschäft zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit begründet hatte. Ricardo ließ illustre – und damals vermutlich sündhaft teure – Materialien wie Terrakotta, Keramikplatten oder farbig-glasierte Klinker verbauen (die Debenham-Familie verließ das Anwesen in den 1940er Jahren). Der Film macht aus einem der schönsten Gebäude Londons, dessen farbenfrohe Elemente mit ihren visuellen Effekten eigentlich das Auge betören sollen, allerdings eine ungemein finstere Behausung, in der sich vom ersten Moment an eine unbehagliche Atmosphäre ausbreitet.

Düsterste Rollen

Die Grundstimmung des Films ist morbid und labil. Etwa die Badewannenszene – Liz Taylor wirkt dabei wie in einer stillen Reminiszenz an ihre Cleopatra –, in der Cenci eine kleine Plastikente unter Wasser taucht und Leonora darüber in panische Hysterie verfällt, weil ihre echte Tochter ertrunken ist. Überhaupt die Badewanne oder das Bett oder ein Strandkorb: Gegenstände, konzipiert für Erholung und Entspannung, geraten hier zu Kulissen von Perversion und Wahnsinn; Puppen, Spieluhren und Skulpturen verlieren in dieser Umgebung ihre unbeschwerte, ästhetische Aura. Und die Kameraführung ist ein verstörendes Spiel mit der Tiefenschärfe; denn ganz oft befinden sich zwischen dem Blick der Zuschauer und dem nah herangeholten Trauer-, Wahn- oder Angstgesicht noch dezente Gegenstände.

Die Dialoge bestehen aus lakonischen, leisen Sätzen, teils qualvoll in die Länge gezogen. Nahezu sämtliche Charaktere sind moralisch deformiert: die Prostituierte Leonora, die sich in den reichen Haushalt des verrückten Waisenkinds einschleicht; der pädophile Stiefvater, der als unberechenbarer Choleriker seine Kreise zieht; oder zwei habgierige Tanten, die bei jedem ihrer Besuche die offensichtlich psychisch derangierte Nichte bestehlen, statt ihr zu helfen.

Besagten Stiefvater spielt übrigens Robert Mitchum (1917–97). Taylor und Mitchum: Das könnte die Traumkonstellation für einen starbesetzten Hollywood-Streifen sein, voller Pathos, Emotionen und Kitsch. Doch in „Secret Ceremony“ werden die beiden Ikonen der kalifornischen Glamourwelt in düstersten Rollen aufgeboten (und dass nicht nur, weil Mitchum einen flaumigen Bart trägt). Mitchums Albert ist ein fürchterlicher Kerl, der seine minderjährige Stieftochter missbraucht hatte und deswegen einst von deren verstorbener Mutter aus dem Haus gejagt wurde. Nun kehrt er zurück und sucht den Kontakt zu Cenci. Er packt sie, berührt sie, dann lässt er sich von ihr mit einer Schere den Bart abschneiden, um sie anschließend aufzufordern, einen ganz bestimmten „Sound“ zu machen – woraufhin Cenci stöhnt, als wolle sie eine Sexszene synchronisieren (im Untertitel als „panting and whimpering“ umschrieben) – „After all, I’m only your stepfather.“

Als die Pseudo-Familie zu einem Spontanurlaub an die niederländische Küste aufbricht, wird alles nur noch schlimmer. In Noordwijk schwemmen sanfte Wellen an den Sandstrand, an dem ein kleiner Junge gerade eine Sandburg baut. Die Sonne scheint und man kann sich die erfrischende Brise gut vorstellen. Weiße Strandkörbe säumen dieses erholsame Areal, Pferde reiten vorbei, im Hintergrund liegt auf einer Böschung in erhabener Monumentalität der ehrwürdige Hotelkomplex. Damit wird freilich sofort gebrochen: Im Innern ertönt eine Musik, die sich wie das Intro von „Monty Python’s Flying Circus“ (1969–1974) anhört, und der Strand verwandelt sich in eine düstere Szenerie, in deren Mitte die kopulierenden Körper von Cenci und ihrem Stiefvater zu sehen sind, die Leonora vom Balkon ihres Hotelzimmers aus beobachtet.

In den Filmografien seiner Stars ist Loseys „Secret Ceremony“ sicherlich ein unterbelichtetes Werk – trotz seines Alters und seiner Optik, die noch deutlich dem 1960er-Jahre-Kino entspricht, ist dieses Drama aber noch immer sehenswert.