Filmtipp

Best Seller (1987)

Szene aus ‚Best Seller (1987)‘

Kurzbeschreibung des Films: Ein wenig New Hollywod-Touch ist das: Ein verbrecherischer Geschäftsmann wird zur Strecke gebracht – nicht aus Moral, sondern aus Rache. „Best Seller“ ist ein origineller Rachethriller mit Brian Dennehy und James Woods, inklusive zynisch-packendem Showdown.

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Was für eine zynische Symbolik: Das Killerkommando, das unterwegs ist, um in der Asservatenkammer der Polizei von Los Angeles kompromittierendes Material zu stehlen und dort eiskalt die anwesenden Cops erschießt – sogar ihren Komplizen, den sie bestochen haben –, fährt in einem Wahlkampfwagen der republikanischen Nixon-Kampagne und trägt Nixon-Masken. Auf dem dunklen Lieferwagen prangt der Slogan „President Nixon. Now more than ever.“ Es ist das Jahr 1972 und Richard Nixon kämpft um seine Wiederwahl zum US-Präsidenten – die Watergate-Affäre hat bereits begonnen, trotzdem gewinnt Nixon die Wahl im November gegen George McGovern, im August 1974 wird er dann zurücktreten. Wie ein Stigma lastet in den USA der Name Nixon auf den 1970er Jahren – der Zeit, in der die Amerikaner ihre Verwundbarkeit entdeckten und in die Abgründe der amerikanischen Seele blickten.

Brian Dennehy als Kriminalkommissar Dennis Meechum beim Einsatz mit Revolver.

Der brutale Raid der Fake-Nixons wird nicht aufgeklärt – aber einer der niedergeschossenen Polizisten überlebt und avanciert im Nebenberuf zum erfolgreichen Schriftsteller. In seinem Buch „Inside Job“ hat Dennis Meechum (Brian Dennehy) den Vorfall und seine Erlebnisse geschildert. Doch seitdem seine Frau an Krebs gestorben ist, leidet er unter einer Schreibblockade. Die Verleger sitzen dem Detective im Nacken, auch die Bank – denn im privat orientierten Gesundheitssystem der USA haben die Krebsmedikamente einen Schuldenberg hinterlassen. Meechum, der mit seiner Teenager-Tochter Holly im eigenen Haus lebt, kämpft mit seiner emotionalen und finanziellen Leere.

Nahaufnahme von Meechum und einem von Madlocks Handlangern im Schein der Jalousielamellen in Meechums Büro

Nahaufnahme von Paul Shenar als Madlock, dem jemand mit blutverschmiertem Ärmel einen Revolver an den Kopf hält.

Cleve (James Woods) weiß das alles, er hat Meechum genauestens studiert. Denn er will den Schriftsteller mitsamt dessen Spürsinn und Hartnäckigkeit als Autor eines Aufklärungsbuches gewinnen. Meechum soll mit Cleves Hilfe die Wahrheit über einen Mann ans Licht bringen, der so mächtig und reich ist, dass kein Polizist, kein Gericht, kein Politiker ihm jemals gefährlich werden könnte – nur die Öffentlichkeit ist imstande, diesen Mann, David Madlock (Paul Shenar), moralisch und politisch zu vernichten.

Meechum an trubeligem Ort bei der Benutzung eines öffentlichen Telefons.

Cleves Vorhaben entspringt freilich keiner höheren Moral, keinem aufrichtigen Interesse an Aufklärung: Es ist ein Akt purer Rache. Denn Cleve hat einst für Madlock gearbeitet, wurde dann geschasst und ersetzt durch Männer, die er als allenfalls zweitklassig empfindet. Erniedrigt durch diese Mediokrität soll Madlock ans Messer der öffentlichen Meinung geliefert werden – aber Meechum will nicht. Erstens misstraut er dem Wahrheitsgehalt von Cleves aberwitzigen Schilderungen von unendlicher Macht und abgrundtiefen Verschwörungen, in die Madlock verwickelt sei soll; und zweitens verachtet er Cleve: einen ultimativen Profikiller, der jahrelang für Madlock und dessen Konzern gemordet hat, dessen Opfer überall im Land verteilt in unbekannten Gräbern liegen. Madlock und Cleve lassen sich auch als Allegorien verstehen: der Nixon-USA, die Düsteres verborgen hält.

Cleve und Meechum am Schießstand; Cleve hat seine Pistole ausgerichtet und trägt eine Sonnenbrille, Meechum beäugt ihn.

Ausgerechnet mit diesem Mörder soll Meechum nun einen bloß mutmaßlich noch grässlicheren Mörder verfolgen? Aber Meechum braucht das Geld und insgeheim verführt ihn längst die Neugier. So steigt er mit Cleve ins Flugzeug und reist an die Orte, an denen der Profikiller angeblich getötet hat; Cleve zeigt Meechum die Mordschauplätze und buddelt versteckte Waffen aus – die infernalische Retrospektive eines Berufsmörders im Auftrag eines skrupellosen Machtmenschen. Aber er nimmt ihn auch mit in sein Elternhaus. Dort erwartet Meechum keine zerrüttete, moralisch entgleiste Familie: Nein, Eltern und Geschwister des Killers sind lammfromme, herzensgute Menschen, das Böse hat hier keine offensichtliche Ursache.

Nahaufnahme von Cleve und Meechum auf einer sonnigen Party von Madlock.

Meechum hält Cleve in einem dunklen Raum im Liegen eine Pistole an die Wange.

Als Madlock von Cleves Vorhaben erfährt, versucht er, Meechum zu bestechen und ihm als Entschädigung den Auftrag für eine „autorisierte“ Biografie zu geben. Aber die ekelhaften Typen, die Madlock schickt, sind es am Ende, die Meechum auf die Seite von Cleve treiben und ihn sich mit dem kleineren Übel arrangieren lassen.

Cleve bereitet sich auf einen Zweikampf mit einem Madlock-Handlanger vor, der ihm in einer Gewerbehalle gegenübersteht.

Cleve aus der Froschperspektive in der Pose eines Geschäftsmannes.

Jenseits allegorischer Symbole der USA 25 Jahre nach Nixons Wiederwahl zeigt „Best Seller“ den eigentlich aussichtslosen Kampf zweier außergewöhnlicher Individuen gegen eine komplexe, schier unbesiegbare Maschine: das Madlock-Imperium in Gestalt des Konzerns Kappa International. Meechum, der Polizeikommissar, soll erpresst, in die Luft gesprengt, erschossen, dann wieder erpresst werden. Während er das Manuskript für sein geplantes Buch verfasst, beschützt ihn Cleve vor den Kappa-Killern.

Blick auf das sonnige Swimmingpoolareal vor Madlocks Villa während eines Shootouts zwischen Cleve und den Bodyguards.

Nahaufnahme von Meechum mit interessiert-skeptischem Blick.

James Woods spielt diesen Profikiller, der sich mit anderen Profikillern einen tödlichen Wettstreit liefert. Eine Szene ist besonders beeindruckend: In Meechums Küche trifft Cleve auf einen seiner Nachfolger bei Kappa; beide visieren sich an, jeweils im unerschütterlichen Selbstvertrauen, den anderen in wenigen Sekunden zu töten. Doch bei ihrem Schlagabtausch genügen Cleve wenige Handgriffe, um seinen Kontrahenten zu arretieren – und als Cleve ihm dann das Genick bricht, legt ihm Woods eine Mimik über das Gesicht, die von gruseliger Genugtuung, von regelrechtem Genuss erfüllt ist.

Cleve zu sehen im blutverschmierten Spiegel auf einer Toilette.

Explodierendes Taxi.

Nahaufnahme von Cleve mit Sonnenbrille und schallgedämpfter Pistole im Anschlag.

Großartig, wenn auch nicht sonderlich subtil, ist das Finale, in dem Cleve wie eine todbringende Nemesis in Madlocks schwer bewachtes Anwesen eindringt und sich mit Raffinesse wie Präzision vorbei an einer kleinen Armee bewaffneter Bodyguards den Weg in die Villa bahnt. Regisseur John Flynn inszeniert diese Sequenz als sukzessive Demontage von Madlocks Macht, der mit Gesetzen und Behörden nicht beizukommen ist, als antiinstitutionelle Katharsis – ein wenig erinnert das an den heftigen Showdown in Flynns „Rolling Thunder (1977). Während draußen im Swimmingpool eine Horde Kinder tobt, tötet Cleve Madlocks Wachen, deren Leichen in den Pool stürzen oder von den gezielten Schüssen zwischen den Kindern zu Boden fallen – so kommt der unschuldige Nachwuchs mit den Missetaten der Erwachsenen in Berührung.

Cleve und Madlock vor einem verlassenen Gebäude an einer Straßenecke.

Am Ende wird Meechum tatsächlich seine Enthüllungsschrift veröffentlichen – aber den allerorts respektierten, gefeierten Madlock als Superkriminellen zu entlarven, ist erst möglich geworden durch den Pakt mit einem ebenso skrupellosen Häscher.

Text verfasst von: Robert Lorenz