Filmtipp

Eine Hochzeit (1978)

Szene aus ‚Eine Hochzeit (1978)‘

Kurzbeschreibung des Films: In „Eine Hochzeit“ entblößt Robert Altman mit seinem kunstvollen Voyeursblick genüsslich die Fassade einer US-amerikanischen Hochzeitsgesellschaft.

Social-Media-Optionen

Wie eine Kommandantin am Morgen einer großen Schlacht steht Rita Billingsley in der Tür des wuchtigen Herrenhauses und blickt durch die Einfahrt des großen Grundstücks hinein in die Allee, durch die in Kürze die Fahrzeuge der Hoch­zeits­ge­sell­schaft anrücken werden. Billingsley erwartet zwar keine militärische, dennoch eine Schlacht. Generalstabsmäßig laufen im Innern des Gebäudes die Vorbereitungen, bald schon wird sich die Weitsicht ihrer Planungen erweisen – eben wie im Krieg. Vor ihr steht allerdings keine Kanone, sondern ein feierlich dekorierter Mercedes „SL“, in dem später das Brautpaar, so will es der amerikanische Honeymoon-Ritus, davon­brau­sen wird. Geraldine Chaplin spielt die Hoch­zeits­planerin, die mit aufgeregter, beinahe gewalttätiger Akribie den von ihr vorgesehenen Ablauf der Feierlichkeiten durchsetzen wird.

Zwei Frauen in Nahaufnahme, die eine gespielt von Geraldine Chaplin.

Die Hochzeitsgesellschaft indes befindet sich noch in der Kirche, wo – eigens für sie rekrutiert – der tattrige Bischof (John Cromwell) den Eheschluss vollführt (großartig, wie er den Namen der Braut vergisst, ihn dann eingeflüstert bekommt und mit empörter Verwunderung ausspricht: Muffin). Die US-amerikanische High Society ist angetreten, hat keine Kosten gescheut – beide Familien haben Geld im Überfluss; aber es sind zwei soziokulturelle Welten, die hier aufeinanderprallen: Die Familie der Braut (Amy Stryker) schwimmt zwar im Geld, aber verkörpert die neureichen Südstaatler; Paul Dooley spielt den Truckunternehmer Snooks Brenner, dessen Stolz auf seine Selfmade-Millionen aus jedem seiner Gesichtszüge spricht. Der Bräutigam (Desi Arnaz Jr.) indes stammt aus dem alteingesessenen Establishment, das sich schon immer mit angeborenem Selbstbewusstsein zeigt.

Hochzeitsgesellschaft.

Mehrere Hochzeitsgäste, darunter Mia Farrow als Schwester der Braut.

Am Ende eint die Mitglieder beider Familien die Bigotterie, mit der sie ihr Leben führen: Im Laufe des Festtags kommt heraus, dass sich fast niemand an die Werte und Gebote hält, die sie als erstrebenswert ausgegeben haben. Und Robert Altman, Regisseur und Ko-Autor des Drehbuches, entblößt diese scheinheilige Oberfläche mit zynischen Einblicken in die Verhaltensweisen dieser Menschen. Sein Film ist, typisch für Altman, eine Beinahe-Dokumentation, in der die Kamera meist mehrere Meter von den Akteuren entfernt steht, wodurch man als Zuschauer die Figuren aus leichter Distanz beobachtet, heimlich die Dialoge mithört, sich als Zaungast fühlt.

Ein Mann und eine Frau verborgen hinter Zimmerpflanzen.

Unter perfekten Frisuren, teurem Tuch und heuchlerischen Maximen verbirgt sich der mühsame, letztlich scheiternde Versuch, unterdrückte Gelüste und pikante Geheimnisse auszuhalten. Die Mutter der Braut, Tulip Brenner (Carol Burnett), flirtet mit einem ihr zuvor völlig Unbekannten (Pat McCormick) – der ihr am Rand des Feiertrubels seine spontane Liebe gesteht, selbst aber mit einer der Angehörigen des Bräutigams verheiratet ist –; am Ende will sie sich mit ihm auf eine Affäre einlassen (genauso rührend wie albern die Szene, in der sich die beiden zu einem Treffen am Gewächshaus verabreden, dort wie in einem romantischen Drama aufeinander zulaufen und die Frau dann beinahe vom Zusammenstoß mit dem ausladenden Bauch des Mannes umgeworfen wird). Am Abend kommt dann heraus, dass der Bräutigam mit der jüngeren Schwester seiner Braut geschlafen hat – die ist obendrein schwanger und, von ihrer religiösen Familie zur Rede gestellt, benötigt noch die Hand ihrer Tante, um mit Fingern all die Männer aufzuzählen, mit denen sie bereits geschlafen hat (die damals schon über dreißigjährige Mia Farrow spielt sie).

Drei weibliche Hochzeitsgäste in Nahaufnahme.

Blick in eine betriebsame Küche.

All das wird garniert mit kleinen Scherzen, die abwechselnd zynisch, makaber und albern sind. So hat sich eine Großtante erlaubt, als Hochzeitsgeschenk ein abscheuliches Nacktporträt der Braut anfertigen zu lassen, das sie dann feierlich vor den entsetzten Augen der Brauteltern enthüllt – der Vater wird dann von übereifrigen Sicherheitskräften daran gehindert, das peinliche Gemälde wieder zu verdecken. Und der Leibarzt (Howard Duff) der Matriarchin des Hauses hält in der einen Hand ein immer wieder aufgefülltes Whiskey-Glas, während er mit der anderen die Brüste junger Frauen betatscht.

Zwei Frauen mit erschrockenet Mimik im Beisein eines Mannes.

Lillian Gish als Matriarchin Nettie Sloan im Sterbebett.

Die alte Frau (Stummfilmstar Lillian Gish), die über das Anwesen herrscht, entschläft vor dem Eintreffen der Hochzeitsgesellschaft – ihr Arzt beschließt, ihren Tod vorerst geheim zu halten. Mehrmals suchen dann im Verlauf des Tages Gäste die Verstorbene auf und sprechen unbekannterweise mit einer Leiche. Darunter auch deren älteste Tochter, die verzweifelt versucht, ihre Rolle als ebenso heitere wie in allen Situationen stets adäquate Familenmanagerin zu verwirklichen (vom Tod der Mutter erfährt sie als eine der Letzten). In rund zwei Stunden hat Altman in herrlicher Boshaftigkeit das Hochzeitsritual demontiert – ein amerikanischer Film voller britischem Humor.

Nahaufnahme von Nina van Pallandt als Familienmitglied vor psychedelischem Hintergrund.

Text verfasst von: Robert Lorenz