Filmtipp

Tin Men (1987)

Szene aus ‚Tin Men (1987)‘

Kurzbeschreibung des Films: „Tin Men“ ist der zweite Film in Barry Levinsons Baltimore-Zyklus und wirft einen nostalgischen Blick auf die materialistische Ästhetik der Sechziger.

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Für kaum etwas lässt sich die menschliche Fantasie so effizient ausnutzen wie für den Betrug. Das wissen auch die Tin Men: Sie sind umtriebige Handelsvertreter, ständig auf der Jagd nach Leads und Conversions, mit denen sie ihre Provisionen steigern. Ihr Geschäftsmodell ist reichlich dubios – so sehr, dass bereits eine staatliche Kommission ermittelt. Es sind die frühen 1960er Jahre: Die Tin Men fahren in schweren Limousinen durch Baltimore und klingeln bei gutgläubigen Hauseigentümern, um ihnen teure Aluminiumfassaden aufzuschwatzen.

Mit Marketing-Luftschlössern entfachen sie die Gier der Hauseigentümer; denn denen versprechen sie eine Provision, sobald andere sich von dem Modell begeistern lassen und ebenfalls ordern. Und jedes der Opfer bekommt von seinem Tin Man natürlich versichert, dass gerade sein Haus eine ideale Lage für diese Zurschaustellung habe, dass das Geld folglich schon bald in Strömen fließen werde. Um diese Lüge endgültig zu verschleiern, zücken die Tin Men dann ihr Portemonnaie und legen 200 Dollar – damals eine ungeheuerliche Summe – auf den Wohnzimmertisch. Die Unterschriften sind ihnen dann meistens gewiss. Aber weil der Konkurrenz­kampf unter den Tin Men-Agenturen heftig ist, werden die Verkaufsmethoden immer betrügerischer – denn die Fantasie kennt bekanntlich kaum Grenzen, schon gar nicht die der Tin Men.

Danny DeVito und Richard Dreyfuss als die beiden Vertreter Ernest Tilley und Bill Babowsky auf gegenüberliegenden Seiten einer Stuhlreihe in einem Warteraum, die Blicke einander zugerichtet.

Hier, in den Hinterhöfen von Baltimore, wo etwa die Gibraltar Aluminium Company sitzt, bahnt sich an, was nur wenige Jahre später in weitaus größerem Ausmaß stattfinden wird. Per Telefon werden Haushalte angerufen und das einseitig profitable Verkaufsgespräch als Privileg hingestellt: Gerade sei ein Firmenvertreter in der Nähe des Hauses und könne – Exklusivität verführt – einen Besuch abstatten. In „Tin Men“ sind es noch eine Handvoll Frauen, die voraussichtlichen Kunden, bald Opfer, anrufen – was später dann bekanntlich ganze Callcenter sein werden. Die Solidarität innerhalb dieser Betriebe ist gering, ein jeder ist des anderen potenzieller Konkurrent. Die Tin Men selbst freuen sich diebisch über die dubiosen Vertragsabschlüsse, echauffieren sich aber über die US-Steuerbehörde, die eine raffgierige Clique sei. Und als sie ins Visier der Justiz geraten, fragen sie voller Empörung: „All I’m doin’ is sellin’. Where’s the crime in that?“

Blick eine innerstädtische Straße hinauf in dämmrigem Licht.

Doch es ist nicht der Abzock-Voyeurismus, der den Charme dieses Films ausmacht; die minutiöse Darstellung der Geschäftspraktiken und des Arbeitsalltags, aber auch der persönlichen Tragödien der gewissenlosen Jäger auf dem Spekulationsmarkt gelingt z.B. Glengarry Glen Ross“ (1992) viel besser. „Tin Men“ hingegen erweckt die zeitgenössische Büro- und Angestelltenkultur der frühen 1960er Jahre, der Blütezeit der US-amerikanischen Dienstleistungsgesellschaft, wieder zum Leben.

Das ist ja eine der großen Stärken Barry Levinsons, der hier Regie führte und von dem auch das Drehbuch stammt: eine Epoche mit ihrem spezifischen Zeitkolorit auf der Leinwand erstehen zu lassen. Die liebevolle Detailfülle, die prominente Visualisierung von Fahrzeugen und Mobiliar: All das scheint insbesondere Regisseuren zu gelingen, die dabei ihre vagen Kindheitserinnerungen aus den Fünfzigern und frühen Sechzigern auf der Leinwand rekonstruieren. Neben Levinson (Jahrgang 1942) waren dies auch Joe Dante (Jahrgang 1946) in Matinee“ (1993) oder George Lucas (Jahrgang 1944) in American Graffiti“ (1973).

Richard Dreyfuss als Bill Babowsky betrachtet im Beisein von Kollegen in verwunderter Ärgerlichkeit eine zertrümmerte Windschutzscheibe.

Tin Men“ ist ein Film, bei dem das Production design mindestens genauso wichtig wie die Darsteller. Wie in den Marketingagenturen der Mad Men erstreckt sich unter dem sterilen Kunstlicht der Deckenlampen ein streng geordnetes Areal voller Sekretärinnen und ihren Schreibmaschinen; in den Regalschluchten der Supermärkte werden die Einkaufswagen mit unzähligen Massenkonsumerzeugnissen gefüllt; und zu Hause geht es bei den meisten Tin Men eher spießig zu. Die Wohnungseinrichtungen sind ein Manifest des komfortablen Kleinbürgertums, aller hinzugewonnen Mobilität zum Trotz fühlt man sich vor dem Fernseher am wohlsten und die Gleichberechtigung der Geschlechter ist noch Zukunftsmusik. Der erfolgreiche Mann dieser trotz allen Fortschritts noch in vielerlei Hinsicht zurückgebliebenen Gesellschaft definiert sich über drei Merkmale: seine Frau, sein Haus – und seinen Cadillac. Die Tin Men machen es vor: Morgens fahren sie, wie in einer sorgfältig orchestrierten Choreografie, mit ihren schweren Karossen am Arbeitsplatz vor – ein gleißender Chromreigen, eine spektakuläre Parade der Autos mit den berühmten Heckflossen als US-amerikanische Überlegenheitspose.

Großraumbüro mit geschäftigen Mitarbeiterinnen an ihren Schreibtischen.

Die Fahrzeuge sind dann auch die heimlichen Hauptdarsteller des Films. All die gigantischen Metallansammlungen aus den Fabriken der Detroiter „Motor City“ und deren „Big Three“: Ford, Chrysler und General Motors (wozu auch die Marke Cadillac gehörte). Mit ihren ausladenden, in wunderbaren Farben lackierten Karosserien kreuzen die Limousinen und Cabriolets wie polierte Schlachtschiffe durch die Straßen von Baltimore.

Limousine mit spitzen Heckflossen in der Dämmerung am Pier, im Hintergrund Hafenlichter.

Danny DeVito als Ernest Tilley mit ernster Miene am Straßenrand.

An ihnen entzündet sich dann auch der Streit, der die Handlung des Films trägt: Gerade als Bill „BB“ Babowsky (Richard Dreyfuss) seinen nigelnagelneuen Cadillac rückwärts aus der Ausfahrt manövriert, knallt ihm Ernest Tilley (Danny DeVito, der gerade so hinter dem mächtigen Lenkrad hervorlugt) – ebenfalls stolzer Besitzer eines Cadillac – in die Seite. Keiner von beiden will sich eine Schuld eingestehen, niemand von ihnen weicht zurück, gegenseitig provozieren sie sich und werden handgreiflich wie zwei Halbstarke. Daraus entspinnt sich dann eine völlig absurde Rivalität, die immer extremer wird. Erst schreien sie sich an, dann zertrümmern sie gegenseitig ihre Autos, später versucht Babowsky seinen Intimfeind zu erniedrigen, indem er ihm die Frau (Barbara Hershey) ausspannt; kurz: Sieg oder Niederlage dieses eitlen Kampfes bestimmen sich über die sozialen Statussymbole Frau und Auto.

Barbara Hershey und Danny DeVito als Nora und Ernest Tilley im Gespräch.

Freilich ist „Tin Men“ keine oberflächliche Darstellung eines kindischen Männerkampfes, wie etwa der alberne deutsche Untertitel „Zwei haarsträubende Rivalen“ vermuten lässt; vielmehr beleuchtet der Film das US-amerikanische Familien- und Berufsleben am Vorabend der Sexual Revolution, liefert ästhetische, detailverliebte Rekonstruktionen der Sechzigerjahre-Ästhetik. Die Tin Men: Sie sind die proletarischeren, kleinstädtischen Varianten der New Yorker Mad Men – die zur selben Zeit in ihren Kunstlicht-Büros sitzen und ebenfalls in ihren Cadillacs kreuzen.

Tin Men“ gehört zu Barry Levinsons Baltimore-Zyklus. So wie Woody Allen seine Filme immer wieder in New York spielen ließ und der Stadt damit ein cineastisches Denkmal gesetzt hat, ist auch Barry Levinson in seinen Werken oft in seine Heimatstadt zurückgekehrt. In Levinsons Fall ist sie allerdings keine Weltstadt vom Format New Yorks, sondern Baltimore, im US-Bundesstaat Maryland, ist eine Stadt, deren Hafen zwar eine Zeit lang zu den größten Anlaufstellen der Einwanderer zählte und die in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren mit ihrer Einwohnerzahl an der Millionenmarke kratzte, mittlerweile aber auf unter 650.000 geschrumpft ist. In diesen Zeiten des Bevölkerungsbooms wuchs Levinson, Jahrgang 1942, dort auf; seine Erfahrungen aus jenen Jahren ließ er in etliche Filme einfließen: neben „Tin Men“ zuvor bereits in Diner“ (1982), später dann in Avalon“ (1990) und dem besonders autobiografisch geprägten Liberty Heights“ (1999).

Für den letztgenannten Film ließ Levinson wie schon in „Tin Men“ von überall her Oldtimer herankarren, um geradezu liebevoll das Blech- und Chromfieber der zeitgenössischen Automobilatmosphäre einzufangen. Dank Levinsons tiefer Beziehung zu Baltimore ist „Tin Men“ eine tolle Momentaufnahme des Amerika der frühen Sechziger, die fast so schöne Bilder von der damaligen Büro- und Konsumkultur liefert wie Mad Men“ (2007–15).

Babowsky und Moe Adams unterhalten sich auf einer Bank vor einer Mauer, im Vordergrund die Front einer chromlastigen Limousine.

Text verfasst von: Robert Lorenz