Serientipp

Aquarius (2015–)

Szene aus ‚Aquarius (2015–)‘

Charles Manson, L.A., die späten Sechziger: An der Seite des Hollywood-Mordkommissars Sam Hodiak geht es durch den Moloch der sonnenverwöhnten Westküstenmetropole. In dieser Figur vereint David Duchovny seine beiden großen Rollen: Fox Mulder und Hank Moody.

„The truth is out there.“ Wer in den Neunzigern „Akte X“ (1993–2002) im Fernsehen gesehen hat, wird sich an diese lakonischen Worte erinnern. Sie beinhalten gleichermaßen die Paranoia, von geheimen Mächten systematisch getäuscht zu werden, wie auch die Hoffnung, diese Täuschung irgendwann auffliegen zu lassen und die Wahrheit ans Licht zu bringen. Der Mann, für den diese Worte ein lebensleitendes Credo gewesen sind, heißt Fox Mulder, ein Spezialagent der amerikanischen Bundespolizei, des FBI. Gespielt hat ihn David Duchovny – eine Rolle, die aufgrund ihrer damaligen wie noch immer andauernden Popularität, ihres mittlerweile in Beton gegossenen Kultstatus eine dieser Überrollen ist, mit denen Darsteller auf alle Zeit verbunden bleiben. Die andere große Rolle, die Duchovny gespielt hat, war ebenfalls in einer TV-Serie, in „Californication“ (2007–14): Hank Moody, ein wortgewaltiger Schriftsteller aus L.A., dessen hedonistische Lebensweise immer wieder selbstzerstörerische Ausmaße annimmt. Moody ist ein promiskuitiver Alkoholiker, der am liebsten mit seiner Langzeitliebe Karen und seiner Tochter Rebecca ein kleinfamiliäres Leben aufnehmen würde, und doch ständig mit Sex, Drinks und Drogen versackt.
Mulder und Moody: Sie könnten unterschiedlicher kaum sein. Mit unerschöpflicher Energie und Ausdauer jagt FBI-Mann Mulder der vermeintlichen Wahrheit hinterher; im gleichen Ausmaß vollzieht sich Moodys Mangel an Disziplin und Verantwortungsübernahme. Und doch gibt es neuerdings eine Figur – wieder in einer TV-Serie –, die beide Charaktere in einer Person zusammenbringt: Sam Hodiak. Und natürlich spielt ihn David Duchovny.

Samson in Hollywood

Sam Hodiak, dessen Vorname eigentlich der des biblischen Samson ist und der als Junge katholische Gottesdienste besucht hat, arbeitet im Morddezernat der Polizei von Los Angeles, zuständig für den Sündenpfuhl von Hollywood. Hodiak kennt sich aus mit dem Moloch der Metropole, beherrscht den Umgang mit miesen Typen und weiß genau, wie weit er die Grenzen seiner Dienstvorschriften übertreten darf. Er wird dies im Verlauf der Serie oft genug tun.
„Aquarius“, das im Jahr 1967 spielt, beginnt damit, dass Hodiak von einer Ex-Freundin gebeten wird, deren verschollene Tochter aufzuspüren – ohne dabei viel Aufhebens zu machen, damit das Bild einer heilen großbürgerlichen Familie intakt bleibt. Denn Hodiaks Ex ist inzwischen die Frau eines politisch einflussreichen Anwalts, der sich in der republikanischen Präsidentschaftskampagne von Richard Nixon engagiert (Nixon gewann 1969 die Wahl). Hodiak zieht also los, um eine Minderjährige aufzuspüren, die inzwischen wer weiß wo sein könnte.
Als Zuschauer indes weiß man sehr genau, wo sich das Mädchen namens Emma aufhält. Sie wohnt in einer Hippie-Kommune, wie es sie in den kalifornischen Hügelregionen außerhalb von L.A. und San Francisco damals viele gegebenen hat. Und eigentlich haben sich diese Aussteigerrefugien ja auch einer grundsympathischen Idee verschrieben: Junge Menschen schließen sich zusammen, um frei von den überkommenen Doktrinen autoritärer Strukturen der kapitalistischen Gesellschaft ein alternatives Lebensmodell zu begründen. Dazu ziehen sie in die freie Natur, wohnen in verlassenen Holzbaracken und baufälligen Villen, fernab der kommerzialisierten Massenkonsumkultur, in der sie von ihren Eltern sozialisiert worden sind.
Dass diese unkonventionellen Lebensgemeinschaften jedoch auch alles andere als antiautoritär und selbstbestimmt sein konnten, veranschaulicht „Aquarius“ an einem besonders drastischen Beispiel, das der Serie ihren eigentlichen Touch verleiht. Denn Emma Karn (Emma Dumont), die oberschichtige Ausreißerin, ist nicht in einer x-beliebigen Kommune gelandet – sie gehört nun zum engen Zirkel eines Mannes, der noch heute im Gefängnis sitzt und dessen Name längst zum Synonym für brutale Morde geworden ist: Charles Manson.

Die „Manson Family“

Die erste Staffel von „Aquarius“ schildert Mansons beginnende Metamorphose vom gescheiterten Singer-Songwriter zum sadistischen Mordplaner und die Entstehung der berüchtigten „Manson Family“. Die Manson Family, wie sie in „Aquarius“ porträtiert wird, ist eine Ansammlung williger Handlanger und Mätressen von Charles Manson, die alles dafür tun, um die Gunst ihres charismatischen Anführers zu bekommen. Völlig entgegen ihres proklamierten Freiheits- und Emanzipationsstrebens unterwerfen sie sich diesem herrschsüchtigen Mann und seinen Launen, werden permanent Opfer seiner extremen Gefühlsschwankungen, übertriebenen Ambitionen und verstörenden Visionen.
Obwohl der Protagonist von „Aquarius“ natürlich Duchovnys Hodiak ist, spielt sich Gethin Anthony, ein Brite, zum eigentlichen Highlight der Serie empor. Vielen dürfte sein Gesicht bekannt sein aus „Game of Thrones“, wo er als Renly Baratheon aufgetreten ist. Hier brilliert er als Charles Manson, dessen Gesichtszügen er eine diabolische Aura verleiht, die dem Original sehr nahekommt. Anthonys Manson ist gesteuert von einer tiefen Aggressivität, unberechenbarem Zorn und furiosen Gewaltausbrüchen. Sein Bekenntnis: „All I really care about is the safety and happiness of my friends“, erweist sich immer wieder als hohle Phrase.
Mal verprügelt er eines seiner Mädchen, mal ordnet er unter seinen Anhängern als kollektive Strafaktion heftigen LSD-Konsum an. Dann wieder beschwört er familiäre Solidarität und wirft mit Liebesbezeigungen um sich. In einer Szene verabreicht Manson seiner Mutter eine Dosis LSD und lässt sie im Drogenrausch von den Mitgliedern einer Motorradgang vergewaltigen.
Seine Frauen reagieren auf dieses manische Wechselspiel mit gesteigerter Loyalität und vorauseilendem Gehorsam; sie lügen, stehlen und betrügen für ihren Charlie. Denn der manipuliert seine Anhänger eiskalt mit dem vorübergehenden Entzug seiner Gunst – solange, bis sie ihn wieder mit hingebungsvollen Taten umstimmen. Um die Ergebenheit seiner Mädchen zu gewinnen, hat er die schwülstigsten Komplimente parat: „You look like your mother was a deer and your father a prince.“ Unter Mansons Ägide wird aus der Hippie-Kommune ein sektenähnliches System.
Manson wird hier als ein mediokrer Musiker gezeigt, der ungeachtet seiner künstlerischen Beschränkungen größenwahnsinnige Ambitionen hegt: „We’re gonna change the way the world hears music.“ Um seine Künstlerkarriere endlich voranzubringen, lädt er einen Produzenten in die Kommune ein, dessen Fürsprache er mit den sexuellen Verlockungen seines Harems gewinnen will. Überhaupt setzt Manson systematisch Blowjobs seiner Mädchen ein, um seine Ziele zu erreichen. Bezeichnend sind auch Mansons ständige Befehle und Aphorismen: „Today, we will be centring our energies. […] We’re gonna look all the way inside and see if we can work out what we are doing here!“ „You accept there’s no past, no future. There’s only what we feel, what we know right here in our skin, in our hearts.“ Oder: „You can be afraid. Or you can be the thing that makes people afraid.“

Verschwitzter Chauvinismus und LSD-Trips

Hodiak indes wird schon bald auf Manson treffen – was in einen zerstörerischen Zweikampf mündet: Der Kommissar schlägt den Oberkommunarden krankenhausreif, der wiederum lässt daraufhin Hodiaks Drink mit LSD versetzen. Dieser Hodiak ist eine eigenartige Synthese aus Duchovnys früheren Rollen: Er ermittelt mit dem Scharfsinn und der Unnachgiebigkeit eines Fox Mulder; er greift zur Flasche, frönt promiskuitivem Sex und klopft Sprüche wie Hank Moody. Auf die Geschehnisse blickt er mit der Gelassenheit des Routiniers, der im Verlauf seiner langen Dienstzeit alles schon einmal gesehen hat. Und Hodiak handelt ambivalent: Er prügelt Informationen aus potenziellen Kriminellen heraus, ertrinkt seine Sorgen im Alkohol, aber er hilft seinem jüngeren Partner Brian Shafe (Grey Damon), der mit einer schwarzen Frau (Milauna Jackson) verheiratet ist, sich gegen nachbarschaftlichen Rassismus zu behaupten, und betraut eine sexuell diskriminierte Kollegin mit anspruchsvollen Ermittlungsaufgaben.
Denn auf dem Polizeirevier liegt hemdsärmeliger Hosenträger-Machismus in der Luft. Die männlichen Polizisten: Sie betreten die Räume und eilen durch die Flure in einer Pose, die vorgibt, sie wären die natürlichen Beherrscher der Welt. Weitaus intelligenter und spitzfindiger als ihre chauvinistischen Kollegen, wird die junge Polizistin Charmain Tully (Claire Holt) von ihren Vorgesetzten zum Kaffeekochen abkommandiert. Ihre sexistische Nemesis stellt Detective Ed Cutler dar: ein Mann, der wie ein Archetyp des 1950er-Jahre-Reaktionärs daherkommt. Der damals 47-jährige Chance Kelly spielt ihn – und man fragt sich unwillkürlich, wo so ein anachronistischer Phänotyp heute noch herkommt. Cutler lebt mit Hodiaks Frau zusammen; Sam und Opal sind zwar noch verheiratet, aber nur noch formell. Trotzdem ist Hodiak einigermaßen verblüfft, als er von der Beziehung erfährt – später revanchiert er sich bei seinem Kollegen, indem er mit Opal wieder ins Bett geht. Das allerdings sind zwischenmenschliche Nebenschauplätze, wie sie in Serien nun mal vorkommen.

Im Schatten des Vietnamkriegs

Gestreift werden auch zeitgenössische Phänomene: Die Black-Panther-Bewegung bezichtigt die Polizei des Rassismus; Hodiaks Sohn desertiert aus der US Army, nachdem er in Vietnam Zeuge von Kriegsverbrechen geworden ist; die Karn-Familie engagiert sich in Nixons Präsidentschaftswahlkampagne. Überhaupt die Karns, deren eskapistische Tochter ja den Ausgangspunkt der Serie darstellt: Eine der tragischsten Figuren in „Aquarius“ ist Emmas Vater, Ken Karn (der Ire Brían F. O’Byrne). Der erfolgreiche Anwalt trägt zwei Geheimnisse mit sich herum, die ihn extrem verwundbar machen und deshalb in die sadistische Abhängigkeit seines Mitwissers, Manson, bringen. Die Juristen haben hier den größten Dreck am Stecken. Karn soll eigentlich eine einflussreiche Position in der Nixon-Kampagne ausüben, doch Manson und der skandalträchtige Lebenswandel seiner Tochter bedrohen seine politische Karriere. Obendrein wird er von seiner Frau Grace (Michaela McManus) unterdrückt und erniedrigt – so beanstandet sie seine Männlichkeit und hat unverhohlen eine Affäre mit ihrem Ex-Partner: Sam Hodiak.
„Aquarius“ hat eine ganze Reihe von Nebenplots, die zumeist irgendwie auf Charles Manson zulaufen. So ermittelt Hodiaks Protegé Shafe undercover, um den brutalen Drogenhändler Guapo zu überführen. Hodiaks einstiger Beichtvater bittet um einen Gefallen; ein unbekannter Mann exekutiert uniformierte Polizisten. Man mag diese Verästelungen unnötig oder charmant finden.
Maßgeblich zur gelungenen Atmosphäre von „Aquarius“ trägt die Kameraführung bei: In den Büros der Hollywood Police Station schwebt die Kamera anmutig auf Schreibtischhöhe durch die Räume, oft späht sie durch die leicht geöffneten Lamellen dunkler Jalousien; in Gesprächen blickt sie auf Schulterhöhe der einen schräg auf das Gesicht der anderen Person; in vielen Szenen fokussiert sie zunächst den Kopf der im Vordergrund befindlichen Person, um kurz darauf die Schärfentiefe zugunsten des Hintergrunds zu verschieben; überhaupt befindet sich die Kamera zumeist mitten im Geschehen, auf Bauch-, Brust- oder Kopfhöhe – was vielen Szenen eine ungewöhnliche, stimmungsvolle Nähe verleiht.
Kurzum: Das historische Setting mit dem Zeitkolorit der späten Sechziger in kalifornischen Gefilden, die audiovisuelle Umsetzung und eine Handvoll origineller Charaktere machen „Aquarius“ zu einer sehr gelungenen Serie, der noch viele Staffeln zu wünschen sind.