Filmtipp

Born Yesterday (1950)

Szene aus ‚Born Yesterday (1950)‘

Kurzbeschreibung des Films: In der Hollywoodverfilmung des Broadway-Hits „Born Yesterday “ perfektioniert Judy Holliday auf der Leinwand das Klischee der tumben Luxus-Blondine, in der ein vom Umfeld unterdrückter Intellekt schlummert – und mit dem sie später die Kommunistenjäger auflaufen ließ.

Social-Media-Optionen

Eine Million Dollar, damals ein sagenhaftes Vermögen, soll der berüchtigte Columbia-Boss Harry Cohn (1891–1958) für die Filmrechte am Broadway-Hit „Born Yesterday hingeblättert haben. Angeblich, um seinen Studiostar Rita Hayworth – ein Cohn-Produkt – zurück auf die Leinwand zu locken. Die Entstehungsgeschichte des Hollywood-Hits „Born Yesterday ist selbst hollywoodreif: Denn die frischverheiratete Hayworth hatte keine Lust, mitzuspielen; Cohn indessen lehnte die erfolgreiche Bühnenbesetzung Judy Holliday ab. Erst als Holliday mit Adam’s Rib“ (1949) einen Filmerfolg vorzuweisen hatte, ließ sich Cohn umstimmen – und Holliday gewann für ihre Rolle einen „Oscar“.

Billie Dawn mit gelangweiltem Blick in einem Sessel, in einem benachbarten Sessel Harry Brock mit angestrengter Mimik.

Blick auf das Kongressgebäude am Capitol Hill in Washington, mehrere Menschen im Vordergrund.

Born Yesterday“ ist ein Kinoerfolg der frühen 1950er Jahre, fünffach „Oscar“-nominiert (u.a. als „Bester Film“) und wurde im Jahr 2012 wegen seines kulturellen, historischen und ästhetischen Stellenwerts von der Library of Congress in die US-amerikanische „National Film Registry“ (NFR) aufgenommen, in der bis dahin lediglich rund 600 Filme verzeichnet waren. Die Story spielt mit der Korruptionsanfälligkeit von Politik und der Korruptionsfreude der Wirtschaft. Harry Brock (Broderick Crawford, dem man seine jugendlichen 39 Jahre überhaupt nicht ansieht) ist ein millionenschwerer Geschäftsmann ohne Manieren und Bildung, der sein Geld mit Müllabfällen verdient und nach Washington gekommen ist, um Politiker zu bestechen. Um im Establishment der US-Hauptstadt zu bestehen, will er eiligst aus seiner heillos ungebildeten Verlobten eine in Konversation und Etikette beschlagene Gesellschaftsdame machen. Hierfür engagiert er einen Mentor. Doch mit der Wissenszunahme der Frau entbrennen zunehmend heftigere Konflikte zwischen dem Paar.

Billie Dawn mixt sich mit langem Zigarettenhalter im Mund einen Drink, vor ihr eine Schatulle mit Equipment und Zutaten.

Harry Brock im Gespräch mit Paul Verrall.

Harry und Billie ohne fröhliche Gesichter beim gemeinsamen Kartenspiel.

Die Verlobte, Billie Dawn (Judy Holliday), ist eine attraktive Ex-Tänzerin und entspricht auf den ersten Blick dem Klischee des Sex-Accessoires eines erfolgreichen Gangsters. Sie beherrscht allenfalls die Grundlagen des Lesens und Schreibens, ist kulturell völlig desinteressiert und lässt sich, grundgelangweilt, von dem Luxus betören, den Brock ihr bietet. Brock heuert den Journalisten Paul Verrall (William Holden) an: einen intelligenten, jungen Mann, der sich mit Politik auskennt und kritisches Denken beherrscht. Verrall soll die vermeintlich blöde Blondine Billie gesellschaftsfähig machen, damit sie an der Seite von Brock im Hauptstadt-Establishment überhaupt vorzeigbar ist („She’s a little on the stupid side. I got her out of the chorus.“). Das Vorhaben geht – jedenfalls aus Sicht des rüpelhaften Selfmademan Brock – freilich gründlich nach hinten los: Denn die scheinbar naive Billie erweist sich als wissbegierige Schülerin und entwickelt unter Verralls Einfluss schon bald ihre eigenen politischen Ansichten. Und die harmonieren überhaupt nicht mit den korrupten Machenschaften ihres künftigen Gatten.

Paul Verrall und Billie Dawn auf ihrer Exkursion in Washington, hinter ihnen zeichnen sich eine Statue und Säulen ab.

Born Yesterday“ ist auch auf der Leinwand wie ein (schwarz-weißes) Bühnenstück, ein Kammerspiel, das sich fast vollständig in der Hotel-Suite abspielt und damit manches Mal an eine Sitcom erinnert. Trotz der Spielfilmlänge stellt sich aber kein beklemmendes Gefühl ein. Das ist natürlich der schauspielerischen Qualität von Holliday, Holden und Crawford zu verdanken. Holden, eigentlich gerne besetzt für Charaktere, die am American Dream gescheitert, manchmal auch zerbrochen sind oder sich als verschwitzte Überlebenskämpfer durch die Wüste oder den Dschungel schleppen, spielt hier einen idealistischen Intellektuellen – für diesen Ausbruch aus den heroisch-tragischen Rollen hat man ihm sicherheitshalber eine Hornbrille aufgesetzt. Holliday, die ihre Figur zuvor schon in 1.200 Vorstellungen am Broadway gespielt hatte, verkörpert mit Stimme und Gestik durch und durch das Klischee der völlig unbelesenen Luxusbraut einfacher Herkunft, die in Tageszeitungen den Politikteil allein schon deshalb überblättert, weil sie nicht einmal die basalen Institutionen und Begriffe kennt, geschweige denn daran interessiert wäre.

Nahaufnahme von Verrall und Dawn; er erklärt etwas lächelnd, sie hört interessiert zu und schleckt ein Eis am Stiel.

Und Crawford gibt, passend zu seiner monumentalen Statur und heiseren Krawallstimme, den grobschlächtigen Aufsteiger („I worked since I was 12. Nobody give me nothing.“), einen Emporkömmling, der nach spätestens dreißig Sekunden jeden in seinem Umfeld mindestens zweimal beschimpft hat, überall Verrat oder Undankbarkeit wittert und sich am liebsten selbstbemitleidet.

Billie Dawn blickt von einer Brücke herab auf Paul Verrall.

Wobei: Während man sich für Holdens Rolle noch eine Handvoll anderer damaliger Stars vorstellen kann, sind Holliday und Crawford aus diesem Film nicht wegzudenken. Ihre mehrfach preisgekrönte Performance als Billie Dawn führte freilich dazu, dass Holliday in der kommerziellen Logik der Traumfabrikanten noch mehrmals als stupide Schönheit besetzt wurde; diesen Umstand nutzte sie bei ihrer Anhörung vor dem antikommunistischen Senatskomitee (Senate Internal Security Subcommittee, SISS) 1952 und stellte sich bei den heiklen Fragen, ihrer bekannten Filmrolle der Billie Dawn entsprechend, einfach als dümmliche Blondine dar.

Text verfasst von: Robert Lorenz