Scorpio (1973)
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Die unsichtbare Regierung, mit einem Personalbestand im Ausmaß einer ganzen Stadtbevölkerung, einer der größten Spionageapparate der Welt und Kern der US-amerikanischen „Geheimdienst-Industrie“[1], wie seinerzeit der Spiegel seine Leserschaft zu beeindrucken suchte, als er detailliert über die CIA, die Central Intelligence Agency, schrieb. Und genau dort, in diesem teuren, streng geheimen Arkanum, standen 1972 plötzlich zweihundert Menschen mit Kameras und Beleuchtung: Hollywood drehte in den der Öffentlichkeit bislang weitgehend verborgenen Trakten einer der geheimnisvollsten Organisationen des Kalten Krieges.
Denn der Regisseur war Michael Winner, ein 36-jähriger Brite, der seinen Location-Managern immer wieder unlösbare Aufgaben stellte – und da sein neues Projekt ein Agententhriller um einen internen CIA-Komplott war, wollte Winner die CIA-Büroszenen eben in den echten CIA-Büros drehen. Und weil der Star des Films Burt Lancaster – obzwar im Herbst seiner Karriere, aber nach wie vor einer der größten Stars der Welt – war und Lancaster einen US-Senator bei der CIA für eine Dreherlaubnis anfragen ließ, gewährten die umtriebigen Geheimnisbürokraten Winners Crew tatsächlich Zutritt zu ihren Büros. Sie ließen sogar Gästepässe mit einem darauf abgebildeten Skorpion drucken – denn der Filmtitel lautete „Scorpio“. Auch dahinter verbirgt sich eine kleine Anekdote, die Winner genüsslich in seiner – sehr amüsanten – Autobiografie „Winner Takes All“ aus dem Jahr 2004 ausbreitete. Da der ursprüngliche Drehbuchtitel „Dangerfield“ aus rechtlichen Gründen nicht mehr verfügbar war und neben Winner sowohl seine beiden Protagonisten Burt Lancaster und Alain Delon als auch der anfängliche, später geschasste Produzent Walter Mirisch unter dem Sternzeichen des Skorpions geboren worden waren, gaben sie Delons Figur kurzerhand den Codenamen „Scorpio“, der zugleich als Filmtitel fungierte.
Von heute aus, etliche Jahrzehnte später, liest sich die Story des Agenten-Thrillers „Scorpio“ – auf den ersten Blick – wie eine Parabel auf die 1970er Jahre. Loyale Tatkraft und bedingungsloser Patriotismus werden verraten von korrupten Eliten. „Scorpio“ ist ein Spionage-Märchen aus der Zeit der amerikanisch-sowjetsichen Blockkonfrontation. Burt Lancaster spielt den CIA-Agenten Gerald Cross, der an den unsichtbaren Fronten des Kalten Krieges kämpft, aber mittlerweile in die Jahre gekommen, müde geworden ist. An seiner Seite hat er den französischen Profikiller Jean Laurier, genannt „Scorpio“ (Alain Delon). Cross ist den ewigen Spionagemissionen und Mordkommandos überdrüssig; nach einem Leben voller Geheimhaltung, Tod und Gewalt sehnt er sich nach einem gewöhnlichen Alltag mit seiner Frau – während andere an der Routine der amerikanischen Mittelklasse zerbrechen, will Cross genau das.
Als Cross auszusteigen versucht, bezichtigt man ihn in der Agency urplötzlich der Konspiration: Cross habe Informationen an die Gegenseite verkauft. In der Branche professioneller Geheimhaltung, in der Skepsis und Misstrauen unerlässliche Instrumente des Berufsalltags sind, klingen die gegen Cross vorgebrachten Anschuldigungen naturgemäß glaubwürdig; seine Chance, sich reinzuwaschen, ist denkbar gering. Also taucht Cross unter, und die CIA-Bürokraten verpflichten ausgerechnet den Cross-Schüler Scorpio, um den nun offiziell Abtrünnigen zu liquidieren. Damit beginnt eine Jagd, die bis nach Europa führt, in das damals neutrale, an der Grenze zum Ostblock, im Schatten des Eisernen Vorhanges gelegene Wien.
In diesem „alten“, düsteren Wien, das mit der heutigen modernen, hellen, sauberen Stadt nicht zu vergleichen ist, weil auf ihm noch die Patina des Kalten Krieges liegt, liefert sich Cross mit seinen Häschern eine aberwitzige Verfolgungsjagd auf einer großen U-Bahn-Baustelle am Karlsplatz und philosophiert mit seinem ehemaligen Gegenspieler Zharkov (Paul Scofield) über die Redundanz ihrer Tätigkeit, während Wodka in Strömen fließt.
Cross und Scorpio, die Kalten Krieger, werden als verhinderte Kleinbürger gezeigt: So reist Killer Scorpio zwar in tödlicher Mission und im Auftrag von Spionagemasterminds um den Globus; aber in Wirklichkeit sehnt sich der Katzenfreund nach einem beschaulichen Leben mit seiner Freundin in einem Pariser Appartement. Die Optik von „Scorpio“ vermittelt eine kalte, unwirtliche Welt, die perfekt zur Einsamkeit des Agentenlebens zu passen scheint. Überall springt dabei die Ästhetik der 1970er Jahre ins Auge, die einem mit ihren dominanten Grün- und Brauntönen in diesem Film irgendwie beklemmend anachronistisch vorkommt. Kein Büro auf der Welt sieht heute mehr so aus wie das Dienstzimmer des CIA-Abteilungsleiters, der die Ermordung von Cross anordnet; die Flughäfen zeugen noch von einer Zeit, in der das Fliegen lange nicht so erschwinglich ist wie eine Bahnreise und aus heutiger Sicht unvorstellbar laxe Sicherheitsstandards herrschen.
Nicht zuletzt deshalb ist „Scorpio“ ein „optischer“ Film: Großaufnahmen gewähren Blicke auf die besorgten, bisweilen angsterfüllten Gesichter der Spione und Killer – und Alain Delon, der Melville-Kriminelle aus „Le samouraï“ (1967) und „Le cercle rouge“ (1970), verfügt ja über das ultimative Killer-Gesicht. So, wie Burt Lancaster hier in seinem beigen Trenchcoat mit Hut durch die Gegend wandelt, stellt man sich das Klischee eines Siebzigerjahre-Geheimdienstlers vor; dagegen der französische Berufsmörder Scorpio, der zur Arbeit stets elegant und schlicht in weißem Hemd und schwarzem Sakko erscheint – von Delon manchmal wie ein Armani-Model gespielt. Und dazu die fiesen Gesichter von J.D. Cannon, Vladek Sheybal, James Sikking und William Smithers in zwielichtigen Nebenrollen.
Am Ende dieses Komplotts gibt es nur Tote: Die CIA ermordet Crosses’ Frau Sarah (Joanne Linville), woraufhin Cross bei einem fingierten Verkehrsunfall – wie bei der Vendetta in einem Mafia-Film – seinen einstigen CIA-Chef in dessen Limousine erschießt, mit einer Waffe, die er aus einer Einkaufstüte abfeuert, und dann einfach wie ein gewöhnlicher Passant weggeht. Scorpio wiederum tötet seine Freundin Susan (Gayle Hunnicutt) mit einem Schuss ins Herz, weil er denkt, sie habe ihn verraten; und anschließend seinen Lehrmeister Cross, der vor dem Weißwandreifen eines roten VW „Käfer“ mit einem keuchenden Monolog verendet, obwohl man in dieser Szene, die in einer Tiefgarage spielt, denken konnte, dass Scorpio ihn aus Sentimentalität und Zuneigung doch noch verschonen würde. Wenige Sekunden später – und wie kurz zuvor von Cross prophezeit – stirbt auch Scorpio durch die Hand eines unbekannten, ja nicht einmal gezeigten Killers – so lakonisch wie das Geräusch des schallgedämpften Schusses.
Dieser Spionage-Thriller zeigt die CIA als sektengleiche Organisation: undurchschaubar, keine Aussteiger duldend; und die Geheimagentenwelt als irres Karussell aus Misstrauen, Mord und Maskerade.
[1] Stewart Alsop: Für JFK ein schwarzes Buch, in: Der Spiegel, 21.08.1963.
TextRobert Lorenz
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