Filmtipp

Jeremiah Johnson (1972)

Szene aus ‚Jeremiah Johnson (1972)‘

Kurzbeschreibung des Films: Robert Redford und Sydney Pollack drehten etliche Filme miteinander – in „Jeremiah Johnson“ sucht ein Veteran in der tödlichen Wildnis Colorados die Erlösung von der Zivilisation.

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Ausgespuckt von der Zivilisation und ihrer unheilvollen Tendenz zur Gewalt, landet der Veteran Jeremiah Johnson (Robert Redford) in den Bergen Colorados. Bei seiner Ankunft in einem wuseligen Frontier-Dorf trägt er noch die Soldatenmütze; aber dieses Leben, vermeintlich kultiviert, will Johnson gegen ein einsames Eremitendasein in der entlegenen Natur eintauschen.

Nahaufnahme von Robert Redford als Jeremiah Johnson mit Soldatenmütze und rasiertem Gesicht.

Jeremiah Johnson“ spielt Mitte des 19. Jahrhunderts und handelt von stoischen Einzelgängern, freiheitsliebenden Individualisten, Menschen, die sich der tödlichen Wildnis ausliefern. Was das bedeuten kann, erfährt Jeremiah Johnson gleich zu Beginn seines neuen Lebens: Auf seinem Weg in die verschneiten Berge stößt er auf die gefrorene Leiche eines Vorgängers; noch in den letzten Momenten vor dem Kältetod hat der Unglückselige sein Testament niedergeschrieben, in welchem er dem Finder sein Gewehr vermacht („Lord hope he be a white man.“) – ein hochwertiges Produkt, mit dem Johnson später Tiere und Menschen erschießen wird.

Nahaufnahme von einem in Fellkleidung gehüllten Frontier-Bewohner mit skeptischem Blick im verschneiten Wald.

Unterwegs trifft Johnson andere Bewohner dieser eigentümlichen Parallelwelt zu den wachsenden Städten, die gerade die urbane Landschaft der Vereinigten Staaten formen. Da ist Bear Claw (Will Geer), vollständig in Felle erlegter Grizzlybären eingehüllt, ihre Krallen trägt er als morbide Kette um den Hals – das Zusammenleben mit Frauen, überhaupt mit Menschen, hat er schon vor langer Zeit aufgegeben; jetzt besteht sein Alltag in der endlosen Hatz auf „Griz“; oder Del Gue (Stefan Gierasch): Der ist bei seiner ersten Begegnung mit Johnson bis auf den Kopf vollständig in der Erde eingegraben, von Indianern, und schmort in der Sonne – eine Szene wie aus einem Monty-Python-Werk („Say, you wouldn’t have an extra hat on you, would you? Shade’s getting’ scarce in these parts.“). Mit Del Gue landet Johnson wenig später bei den Flatheads: einem Stamm, der ein skurriles Französisch spricht, weil er irgendwann mal von französischen Missionaren bekehrt worden ist.

Extreme Nahaufnahme von Robert Redfords Gesicht; Johnson liegt am Boden und hat nebenm dem rechten Auge eine blutige Schramme.

Jeremiah Johnson“ ist trist, spartanisch; beim Zuschauen spürt man geradezu die optische Kälte. Sydney Pollack, der Regisseur und im Film­geschäft Redfords Seelenverwandter, mit dem er in enger Zusammenarbeit gleich mehrere Projekte stemmte, war für so eine Atmosphäre der richtige Mann hinter der Kamera; kurz zuvor hatte Pollack They Shoot Horses, Don’t They?“ (1969) gedreht – einen Film, der komplett in einer geschlossenen Halle spielt, mit vielen Dialogen, und der in quälerischer Akribie die Strapazen ausbreitet, denen sich verzweifelte Menschen in einem absurden Tanzmarathon im wirtschaftsdepressiven Amerika der 1920er Jahre ausliefern – ein dichtes, klaustrophobisch gedrängtes Drama, in dem fast niemand das Tageslicht erblickt. Pollacks nächster Film – eben „Jeremiah Johnson“ – war dann ein heftiges Kontrastprogramm: Bloß eine einzige, noch dazu kurze Szene spielt in einem geschlossenen Raum, der Rest unter freiem Himmel; gezeigt werden weitläufige Areale in den Bergen von Utah, in denen mehr geschwiegen als geredet wird.

Nahaufnahme von Indianern, die mit skeptisch-neugierigen Gesichtern versammelt sind.

Jeremiah Johnson“ geht mit dem Aussteiger-Leben illusionslos um und räumt beinahe so gründlich mit der Frontier-Romantik auf wie Robert Altmans fast zur gleichen Zeit gedrehter Anti-Western McCabe & Mrs. Miller“ (1971). Pollacks Film lebt von seinen Bildern und den spontanen Gewalteruptionen in Johnsons Kampf gegen Ureinwohner und wilde Tiere. In einer Szene wird er von einem Wolfsrudel attackiert; die Raubtiere beißen sich in seinem Arm fest, springen ihn an, reißen an ihm herum – aber Johnson ringt sie nieder, ein archaischer Überlebensakt. Später wird Johnson dann von einem Indianerstamm gejagt; immer wieder versuchen die Crow, Johnson zu meucheln, indem sie ihn aus dem Hinterhalt angreifen, aus dem Schnee hervorspringen oder sich in geradezu kultischem Edelmut zum Todesduell ankündigen. Je mehr Johnson von ihnen tötet, desto größer wird der Respekt der Crow, die deshalb immer jeweils nur einen Kämpfer schicken, der sich im Angesicht von Johnson als Krieger zu bewähren hat. Für diese Kampfszenen konstruierte Pollack wilde Kamerafahrten, ungewöhnliche Perspektiven, mit denen die Zuschauer in das brutale Geschehen förmlich hineingerissen werden.

Indianer zu Pferd in unwirtlicher Schneelandschaft.

Redford musste für seine Rolle nur wenige Sätze lernen. „Ah. Leave it be. Nothing wrong with quiet“, sagt er etwa zu dem schweigsamen Jungen (Josh Albee), den traumatisierten, einzigen Überlebenden eines Massakers. Mit ihm und der Indianerin Swan (Delle Bolton), die er als „Geschenk“ erhalten hat, bildet Johnson eine vom Schicksal arrangierte Patchwork-Familie, die sich in einer selbstgebauten Blockhütte im Wald einrichtet. Als Johnson loszieht – überredet von einem widerwärtig manipulativen Pfarrer (Paul Benedict), der ihn mit christlichen Mitmenschlichkeitsappellen provoziert –, um einen Trupp müder Kavalleristen zu einem im Gebirge feststeckenden Planwagentreck zu führen, sterben auch diese beiden Menschen, mit denen Johnson gerade dabei war, sich eine optimistische, womöglich sogar erfüllte Existenz aufzubauen – liebevoll hüllt er ihre blutigen Leichname in Bärenfell.

Auch das ist ein Teil der US-amerikanischen Geschichte: Der ständige Konflikt zwischen den Siedlern und den Einheimischen, der in „Jeremiah Johnson“ überwiegend gewaltsam, teils mit ungeheurer Härte ausgetragen wird. Die kolonialistischen Eindringlinge streben nach fortwährender Ausdehnung ihrer Territorien und provozieren dadurch immer wieder neue Konflikte. Und so hat sich ja auch Johnson trotz der radikalen Abkehr von seiner Herkunftsgesellschaft nicht deren Kolonialismus ent­ziehen können.

Robert Redford als Jeremiah Johnson in Fell gehüllt und mit einem Bärenkopf als Mütze.

Redford und Pollack waren am Ende mächtig stolz auf ihren, Film, in den sie ja schließlich auch unfassbar viel Detailliebe, Recherchearbeit und mentale Energien investiert hatten. Mit kaum einer anderen seiner vielen Figuren hatte sich Redford so vertraut gemacht wie mit diesem wortkargen Trapper, der in den rund anderthalb Stunden Spieldauer eine erstaunliche Metamorphose durchläuft. Warner, das traditionsreiche Studio hinter dem Film, war indes weniger euphorisch und zögerte die Veröffentlichung hinaus.

Am Ende dieses Frontier-Vignette trifft Johnson noch einmal seinen alten Gefährten Bear Claw, der ihn einst als Greenhorn kennengelernt hatte. Obwohl sie sich lange Zeit nicht mehr gesehen, ohnehin fast mit niemandem Kontakt haben, tauschen sie lediglich eine Handvoll Worte aus, die mit Blick auf ihre Erfahrungen voller Leid, Tod und Entbehrung in ihrem Minimalismus kaum mehr zu übertreffen sind: „You’ve come far, pilgrim“, sagt Bear Claw. Und Johnson ant­wortet: „Feels like far.“

Text verfasst von: Robert Lorenz