Filmtipp

The Devils (1971)

Szene aus ‚The Devils (1971)‘

Kurzbeschreibung des Films: Ken Russells Film über einen Schauprozess zur Zeit der Religionskriege erhitzte Anfang der Siebziger die Gemüter, wurde gekürzt, verboten, als blasphemisch und pornografisch gescholten. In drastischen Szenen mit Folter, Orgien und Ritualen macht Russell die Abgründe eines düsteren Kapitels der Menschheitsgeschichte greifbar.

Es war die Untertreibung schlechthin, als der US-Trailer in nüchternem Tonfall verkündete: „‚The Devils‘ is not a film for everyone“. Denn „The Devils“ war in der Tat kein Film für jedermann, konnte dies dann jahrzehntelang auch gar nicht sein, weil er schwer zu bekommen war. Erst 2012 veröffentliche das British Film Institute (BFI) eine brauchbare Version. Ken Russells Historiendrama war eines der radikalsten, verstörendsten Werke, die je ein großes Studio in den 1960er und 70er Jahren herausgebracht hat, in seinen sexuell aufgeladenen Szenen voller Zynismus gegenüber den Schwächen der Menschheit, visuell und erzählerisch so drastisch und erbarmungslos, dass ein Werk wie Stanley Kubricks „A Clockwork Orange (1971) – erst nach den „Devils“ veröffentlicht – wie der verzweifelte Versuch wirkt, ähnlich provokant zu sein. Der Film ruinierte Russells Karriere als Big-Budget-Regisseur, ist kommerziell einer der teuersten Flops der Filmgeschichte, wurde in mehreren Ländern verboten und gelangte in Großbritannien und den USA erst nach umfangreichen Kürzungen mit dem berüchtigten „X-Rating“ in die Kinos.

The Devils“ ist ein Film, der für das gehalten, verachtet, gefürchtet und gebannt wurde, was er eigentlich doch bloß wiedergab – satanische, pornografische, blasphemische Akte. Natürlich ließe sich ihm vorwerfen, dass Russell ihn so drehte, als habe er mit viel Vorsprung eine Wette gewinnen wollen, die maximale Gotteslästerung zu inszenieren. Dabei ist doch Übertreibung eine uralte, konventionelle Methode der Kunst, fester Bestandteil bildungsbürgerlichen Kulturkonsums. Im Nachhinein erscheint „The Devils“, in dem es (auch) um Exorzismus geht, wie eine umgekehrte Teufelsaustreibung – als wollte Russell dem Mainstreamkino Mut und Motivation zur Enthüllung moralischer Missstände durch deren derbe Darstellung einflößen, nur um am Ende von Kritikern als moralischer Versager gewertet zu werden.

Blick auf eine Trauer-Zeremonie innerhalb der riesigen Stadtmauern von Loudun.

Im Zentrum der Handlung steht Urbain Grandier (Oliver Reed), der katholische Priester von Loudun zur Zeit der Religionskriege – in einer Stadt, in der Protestanten und Katholiken es zu einer friedlichen Koexistenz gebracht haben und in der gerade die Pest wütet, die just auch das Stadtoberhaupt dahingerafft hat. Grandier ist ein geachteter, einflussreicher Honoratior, ein Repräsentant des katholischen Klerus, zu dem die Frauen in kurzen Abständen scharenweise zur Beichte kommen, um ihm nahe zu sein, selbst wenn sie gar nicht gesündigt haben – denn Grandier ist ein Mann mit großem Sex-Appeal, der Aussehen und Einfluss zu einer charismatischen Ausstrahlung bündelt. Im örtlichen Nonnenkonvent gilt er als Sexsymbol, durch ihre vergitterten Fenster beobachten ihn heimlich die zur Keuschheit angehaltenen Ursulinenschwestern, die am liebsten ihre fromme Enthaltsamkeit für einen sinnlichen Moment mit Grandier aufgeben würden.

Blick durch Gitterstäbe auf den herannahenden Priester Grandier in feierlicher Robe (gespielt von Oliver Reed).

Grandier, der Held des Films, ist eine ambivalente Figur. Am Ende ist er der einzig Aufrichtige, aber eingeführt wird er als Womanizer, der seine Sexpartnerinnen im Stich lässt, sobald sie von ihm schwanger geworden sind. Als Grandier zu Beginn des Films couragiert die Stadtmauern vor dem Abriss durch königliche Gesandte bewahrt, raunen ihm von allen Seiten die dankbaren Stadtbewohner zu, man werde ihm dies nie vergessen – nur wenig später wohnen sie alle dem Schauprozess und Grandiers Hinrichtung bei. Überhaupt: Selten ist ein Film so brutal und schonungslos mit dem Protagonisten, der mit beeindruckender Wahrhaftigkeit noch die ärgsten Prüfungen übersteht, umgesprungen wie „The Devils“.

Damals herrschte in Frankreich König Ludwig XIII., der Vater des späteren „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV.; aber die Macht lag bei Kardinal Richelieu. Und ebendiesen Richelieu hat sich Grandier mit seiner Intervention zum Feind gemacht. Denn der Kardinal will semiautonome Stadt-Bastionen à la Loudun schleifen. Und so schickt er scheinheilige Intriganten in die Stadt, die Grandier stürzen und beseitigen sollen. Überhaupt Richelieu: Das Kino kennt einige Richelieu-Interpretationen, doch blieb dieses skrupellose Genie politischer Machtgewinnung in Filmen meist eine Nebenfigur, wohlgleich oft von großen Schauspielern verkörpert, die ihm eine Art edle Boshaftigkeit ins Gesicht legten, durch die der Kardinal stets als Ehrfurcht gebietender Kontrahent erschien und welche ihm die Grandezza eitler „Bond“-Bösewichter verlieh – etwa Vincent Price in „The Three Musketeers (1948) oder Charlton Heston im gleichnamigen Remake von 1973 (auch da mit Oliver Reed als Gegenspieler). In „The Devils“ jedoch ist Richelieu ein gänzlich unscheinbarer Techniker der Macht, von Christopher Logue als biederer Bürokrat dargestellt – die Richelieu-Figur des Ken-Russell-Films baut dadurch eine interessante Spannung zwischen ihrer ungeheuren Machtfülle und ihrem Anti-Charisma auf. Fulminant porträtiert ist aber auch der König, Ludwig XIII. (Graham Armitage); er tritt als dekadenter Dandy auf, der sich zu keiner noch so entrückten Eskapade zu schade ist, während im Hintergrund Richelieu die politischen Fäden zieht und seine Majestät ab und an im Schlossgarten mit der Pistole einen im Amselkostüm erniedrigten Protestanten abknallen lässt.

Nahaufnahme von Graham Armitage als kostümierter König Ludwig XIII. bei einer Aufführung.

Der Mann, der Grandier zur Strecke bringen soll, wird von Dudley Sutton gespielt. Mit einer widerlichen Süffisanz demontiert sein Baron De Laubardemont den katholischen Würdenträger Grandier, indem er eine hundsgemeine Intrige anbahnt: Grandier habe im lokalen Ursulinenkonvent die Schwestern satanistisch verführt – ein Verhör erbringt den vermeintlichen Beweis. Dahinter verbirgt sich eine reale Begebenheit aus den Untiefen der französischen Geschichte. Ken Russell, der erst kurz zuvor in Women in Love“ (1969) (Review auf Filmkuratorium.de lesen) Alan Bates und Oliver Reed nackt auf einem Bärenfell vor loderndem Kaminfeuer ringen ließ, nutzt hier dieses historische Ereignis, um ein tolldreistes Tabubruch-Inferno abzubrennen.

Gleich zu Beginn des Films erscheinen die verwesten Leichen der Geräderten, in deren Augenhöhlen sich so viele Würmer tummeln, dass die Krähen, die in „Excalibur“ (1981) den aufgeknüpften Gralsrittern die Augäpfel auspicken, fast wie niedliche Geschöpfe aus einem Kinderfilm wirken. Dann ziehen wir als Zuschauer an der Seite von Grandier, musikalisch begleitet von einer schrillen Kakophonie, durch eine morbide Pestilenz-Nacht, in der unablässig die stoisch-unbeteiligten „Bring out your dead“-Rufe der Leicheneinsammler ertönen; und im Morgengrauen werden die bleichen Pestleichen in einem Massengrab gesammelt, an dessen Rand der von Weihrauch umwehte Grandier die letzte Segnung spricht.

Blick in eine Grube voller Pestleichen, zwischen denen Kreuze herausragen.

Wir sehen sadistische Folterknechte, die an Perversität kaum zu überbieten sind und doch ganz offiziell im Auftrag sittlicher Gerechtigkeit walten. Immer wieder fokussiert Russell die medizinisch unreife Körperlichkeit des Zeitalters der Renaissance, mitsamt dem abscheulichen Gespür für die Schwachstellen des menschlichen Körpers, etwa als die Geistlichen ein Geständnis aus dem Unschuldigen herauspressen wollen, indem sie dessen Zunge und Beine malträtieren. Das Ursulinen-Konvikt ist voll lüsterner Nonnen, die sich in fast schon wahnhafter Fleischeslust nach Männern, vor allem nach Grandier, verzehren. Masturbierende Nonnen, phallisch umfasste Altarkerzen, Sexfantasien mit dem gekreuzigten Sohn Gottes: Das war 1970 noch harter Tobak, nicht nur für die (zumal katholische) Kirche, und wäre es vermutlich selbst heute noch.

Ken Russell inszeniert all das in reichlich skurrilen Sequenzen, in denen etwa die von einem Priester aufgewiegelten Nonnen in eine massenhysterische Sexkatharsis ausbrechen oder Close-ups aus Gesichtern irre Fratzen werden lassen – es sind drastische, mitunter ekelhafte Szenen: die Teufelsaustreibung auf dem Altar mit allerhand bizarren Werkzeugen; dann die Tortur von Grandiers Zunge oder schließlich dessen Verbrennung auf dem Scheiterhaufen, bei der er noch mit halbverkohltem Gesicht seine pharisäerhaften Mitbürger zur Vorsicht vor Richelieus Machenschaften mahnt. Die historische Thematik und visuelle Rohheit werden gebrochen durch die moderne, manchmal elegante, manchmal aufdringliche Kameraführung David Watkins. Gleich in einer der ersten Szenen, bei Grandiers charismatischer Rede zum Volk, vollführt Watkin eine anmutige Kamerafahrt.

Blick in die Reihen der versammelten Bürgerinnen und Bürger Louduns.

Man mag im ganzen Filmen keine einzige schlechte Performance entdecken; aber Oliver Reed – später mitunter als versoffener Alkoholiker in Erscheinung getreten – zeigt hier, weshalb er eine Zeit lang zu den besten Schauspielern der Welt gezählt wurde, wie ein unumstößliches Denkmal seiner selbst. Dudley Sutton glänzt als eiskalt berechnender Abgesandter des Königs, der einen vermeintlichen Unruhestifter aus dem Verkehr zieht, in Wirklichkeit aber nur eigene Machtinteressen durchsetzt, ohne Rücksicht auf Verluste – grimmig kommandiert er Untergebene, mit einem fiesen Lächeln kostet er seinen Triumph aus. Und natürlich Vanessa Redgrave als bucklige Obernonne Jeanne, die ihre beinahe nymphomane Sexualität so sehr unterdrückt, dass sie beim Gebet das Kreuz bis ins Fleisch ihrer Hand bohrt und dem herbeigeeilten Beichtvater (Murray Melvin) in Begleitung eines pubertären Lachens das Wort „cock“ entgegenwirft, als dieser sie fragt, wie sich denn der „Incubus“ ihr gegenüber manifestiere. Dass ausgerechnet Redgrave, mit ihrem frommen, reinlichen Nonnengesicht die sexuell ausgehungerte Ursulinen-Schwester spielt, die aus Eifersucht ihre übersteigerte Männlichkeitsobsession Grandier an dessen Feinde verrät, ist der Besetzungscoup dieses Films.

Nahaufnahme von Dudley Sutton als Grandiers Gegenspieler bei der Gerichtsverhandlung.

The Devils“ ist ein großes, vielfach verkanntes Kunstwerk, und ein Statement zur unheilvollen Partnerschaft von Staat und Kirche in den düsteren Kapiteln der Menschheitsgeschichte. Es geht um systematischen Machtmissbrauch und die Instrumentalisierung religiöser Riten, darum, die (physische) Vernichtung von Feinden sogar noch als Dienst am Allgemeinwohl zu verkaufen. Diese unglückselige Vermischung von Politik und Religion beruht auf einem realen Ereignis im Jahr 1634, als der katholische Priester Urbain Grandier in einem Schauprozess als „Teufel von Loudun“ im Fegefeuer hingerichtet wurde. Er habe Nonnen des örtlichen Ursulinen-Konvents verhext, sei ein Zauberer, der im Bunde mit dem Teufel stehe. „The Devils“ ist daher auch ein Lehrstück der politischen Intrige, wie ein gewiefter Machtinhaber (Richelieu) die Angriffsflächen, die ihm sein Gegner (Grandier) infolge privater Schwächen bietet, eiskalt und brutal ausnutzt, um ihn – in diesem Fall buchstäblich – zu vernichten; und wie die Religion als Vehikel dieser persönlichen Interessen geschickt genutzt wird, ganz zynisch entgegen ihrem ursprünglichen Ansinnen. Als extreme Variante zeigt „The Devils“ die Brüchigkeit sozialer Beziehungen, die Vergänglichkeit von Status, Ansehen und Prestige, die durch eine wohl orchestrierte Intrige mit einem Mal ausgelöscht sein können.

Nahaufnahme von Grandiers Gegenspielern im Gespräch mit den beiden gut gelaunten Folterknechten.

Die Geschichte vom angesehenen Lokalmatador, der sich übermächtige Feinde macht und über seine Sex-Eskapaden stolpert, um durch ein manipuliertes Tribunal einer völlig überzogenen Strafe zugeführt zu werden, ist zwar ein großartiges Filmsujet, freilich hier bloß der äußere Anlass, einen revolutionären, strukturell kontroversen, ja verrückt-waghalsigen Film zu drehen, wie Ken Russell es damals tat – mithilfe eines exzellenten Casts sowie großartiger Set- und Kostümdesigner. Als Zuschauer vergisst man diesen Film jedenfalls nicht mehr.

Aus heutiger Sicht ist kaum mehr vorstellbar, dass Warner Bros., die den Film finanzierten, Russell derart viel Geld in die Hand drückten, dass dieser eines der bis dahin teuersten Sets der Filmgeschichte bauen lassen konnte – nur um dann nach Erscheinen, vermutlich in bitterböser Überraschung, den Film mit rigiden Schnittanweisungen zu übersähen und letztlich unter den Tisch fallen zu lassen, um sich ja nicht mit dem Odium des Skandalwerks zu beflecken, ungeachtet der gigantischen Produktionskosten, die an der Kinokasse so nicht mehr hereinzuholen waren. Über Jahrzehnte war die ursprüngliche, unberührte Fassung im Giftschrank des Studios verschlossen, und Teile sind es bis heute – der eigentliche Skandal von „The Devils“.