Filmtipp

All That Jazz (1979)

Szene aus ‚All That Jazz (1979)‘

Kurzbeschreibung des Films: In „All That Jazz“ porträtierte sich Regisseur Bob Fosse als unverbesserlichen Workaholic und nahm sogar seinen eigenen Herzinfarkt vorweg.

Bye-bye, life. Bye-bye, happiness. Hello, loneliness.“ Mithilfe seiner Hydraulik fährt das chromgetränkte Podest nach oben, die Glitter-Gitarristen verstummen ehrfürchtig, Hände recken sich in die Höhe, eine Existenz geht zu Ende. Joe Gideons Leben gehörte der Bühne, Erfüllung fand der Choreograf nicht im Familienglück, sondern in der perfekten Show. Darum geht es in diesem Musical über die Musical-Industrie. Wir sehen darin famose, bisweilen packende Gesangs- und Tanzeinlagen, energische Darbietungen vor und hinter den Kulissen. Kein düsterer Film, aber ein bedrückendes Fazit, was sich hinter der glitzernden Fassade des Showbusiness alles verstecken kann.

Nahaufnahme von Roy Scheider als Joe Gideon, der mit einer im Mundwinkel herabhängenden Zigarette mit verlorenem Blick in einen nicht sichtbaren Raum starrt.

Joe Gideon (Roy Scheider) hat sich einer unbarmherzigen Branche verschrieben, die auf menschliche Makel keine Rücksicht nimmt und Schwächlinge unsentimental aussortiert. Regisseur Bob Fosse lässt an dieser eigentümlichen Mikrowelt kein gutes Haar. Hinter den glamourösen Kostümen, der fröhlichen Musik und den kraftvollen Tänzen verbirgt sich eine brutale Welt voller Tränen und Schweiß, deren Bewohner es nach ganz oben schaffen und dort trotzdem systematisch ruiniert werden können. Fosse muss es wissen, stammt er doch selbst aus ihr, mehr noch: Sein vierfach „Oscar“-prämierter Film („Best Art Directon-Set Decoration“, „Best Costume Design“, „Best Film Editing“ und „Best Music“), der für fünf weitere Statuetten nominiert war, ist eine verkappte Autobiografie, die Figur des Joe Gideon eine komprimierte Fassung des Bob Fosse.

Gideon am Ausgang beim Verlassen eines Gebäudes am New Yorker Broadway.

Wie der Filmcharakter war auch Fosse ein berühmter Choreograf mit Hang zu sexuell aufgeladenen Stücken, betrieb Raubbau an seinem Körper, rauchte in Helmut-Schmidt’schem Ausmaß Zigaretten, war viermal verheiratet, hatte einige Frauen und noch mehr Freundinnen, und wie mit einer selbsteinsichtigen Prophetie nahm er in „All That Jazz“ auf der Leinwand seinen eigenen Herzinfarkt-Tod vorweg, der ihn dann nur acht Jahre später tatsächlich ereilte. Auch etliche der übrigen Charaktere sind an reale Personen angelehnt.

Joe Gideon bei der Probe mit seinem Ensemble.

Tänzerinnen und Tänzer leiden unter Gideons perfektionistischem Anspruch an die ultimative Performance, für die sie die Bewegungsabläufe indoktrinieren müssen – am Ende der Aufführungen sieht man die verschwitzten Leiber, die niemals sicher sein können, gleich Spott oder Applaus zu ernten. Auch Gideon ist sich stets unsicher, ob die Kritiker sein Stück als katastrophale Blamage oder phänomenalen Erfolg bewerten werden. Dabei ist Gideon keineswegs eine unsympathische Figur: Roy Scheider macht ihn zu einem Protagonisten, der zwar besessen ist von dem Drang, Erfolg zu haben („a deep-rooted fear of being conventional“), und der seine Frauen betrügt, seine Tochter vernachlässigt, der all das aber ohne bösen Willen tut, der nicht anders kann und sich das auch eingesteht, zu einer Besserung jedoch außerstande ist. Künstlerbart, stets die glimmende Kippe im Mundwinkel, das weit aufgeknöpfte schwarze Hemd gibt das Brusthaar preis: Nie war Roy Scheider so cool wie hier. Nicht einmal, als er in „Jaws“ (1975) den weißen Hai jagte oder in „SeaQuest“ (1993–96) ein futuristisches Unterwasserschiff kommandierte.

Gideon lehnt in erschöpfter Körperhaltung an einer vergitterten Wand, an der Seile hängen.

Irgendwann bricht dieser Gideon zusammen. Kein Wunder: Gideons Morgentoilette besteht aus einem Duschgang zu klassischer Musik, nach welchem er sich mit Amphetaminen aufputscht und seine anwachsende Müdigkeit mit Augentropfen auszulöschen versucht – ein selbstzerstörerisches Ritual, an dessen Ende er sich im Angesicht seines Spiegelbildes jedes Mal den nötigen Enthusiasmus vorgaukelt: „It’s showtime, folks.“ Nach einer Herzattacke landet er dann im Krankenhaus; doch statt sich dort zu regenerieren, sabotiert er seine Genesung mit heimlichen Partys im Krankenzimmer, auch von Zigaretten kann der Kettenraucher nicht lassen. Die schockierten Kardiologen sind natürlich machtlos gegen diesen Mann, der seine letzten Energiereserven aufbraucht, um sich zugrunde zu richten. Gideons Leben besteht aus Arbeit und Frauen; auf der Strecke dieses unverbesserlichen Workaholics und Womanizers bleiben seine kleine Tochter und eine schier endlose Reihe von Ex-Geliebten.

Eine Gruppe knapp bekleideter Tänzerinnen umringt das Krankenbett mit Joe Gideon darin und schwingt weiße Federwedel.

Stets im Hintergrund sitzt eine Riege ungeduldiger Geldgeber, die Gideons Werk nicht mit einer ästhetischen, sondern finanziellen Kategorie betrachten. Als bei der Probeaufführung ein anfangs mainstreamiges und insofern kommerziell vielversprechendes Musical über Menschen an Bord eines Passagierflugzeugs urplötzlich eine pornografische Wendung nimmt („Welcome aboard Air Rotica.“), geraten die Geschäftsleute in Panik wegen der Publikumssegmente, die sie nun als potenzielle Einnahmequelle abschreiben können („I think we just lost the family audience.“).

Joe Gideon im Studio bei der Probe mit einer Tänzerin.

Noch drastischer geht der Film auf diesen permanenten Gegensatz von Kunst und Kommerz, die aneinander gekettet sind, in einer späteren Szene ein: Während der sterbenskranke Gideon vom Operationsteam für den Eingriff am offenen Herzen aufgeschnitten wird, rechnen andernorts die Manager am Konferenztisch aus, dass sie aufgrund der Versicherungssumme bei Gideons Tod in der Gewinnzone landen würden, noch ehe das Stück uraufgeführt wäre.

Angeleuchtete Gesichter des probenden Ensembles.

Gideon, das autobiografische Alter Ego von Bob Fosse, dem einzigen Menschen, dem es gelang, im selben Jahr die drei großen Auszeichnungen des amerikanischen Kultursektors – den „Tony“ fürs Theater, den „Oscar“ fürs Kino und den „Emmy“ fürs Fernsehen – einzustreichen: Dieses selbstzerstörerische Künstlergenie, dessen Kreativität mit einer unheilbaren Sex- und Arbeitssucht einhergeht und das seine ästhetischen Visionen gegen die Interessen rein kommerziell denkender Manager verteidigen muss, ist zwar nicht ohne Selbstbewusstsein; doch das reicht nicht aus, um zu verhindern, dass Gideon nach einer vernichtenden Kritik zusammenbricht und auf der Intensivstation landet. Bob Fosse ist wieder einmal am härtesten mit sich selbst.

Gideon auf einem hinauffahrenden Podest in einer schrillen Szenerie aus Chrom- und Silbertönen im Beisein einer spielenden Band.

Nahaufnahme weiß bekleideter Tänzerinnen.

Silhouettenhafte Darstellung dreier Tänzerinnen bei der Probe.